Overandout1Die letzten Wochen sind wirklich absolut überhaupt gar nicht so verlaufen, wie ich es mir gewünscht hätte. Aber war das in den Vormonaten anders? Irgendwie ja auch nicht…

Aber ich möchte heute einfach loswerden, dass es okay ist. Dass einfach nicht hilft, darüber zu verzweifeln. Und dass es einfach keinen Grund gibt, nicht weiterhin das zu tun, was man liebt.

Ich möchte euch aber zuerst möglichst nachvollziehbar erzählen, was mir passiert ist – und natürlich auch, wie es jetzt für mich weitergeht.

17. August – 23. August

In dieser Woche hatte ich regelmäßig mit Bauchschmerzen und immer schlimmerer Übelkeit zu kämpfen. Zuerst fühlte ich mich einfach nur mies, mit der Zeit aber zunehmend unwohler. Als ich mich dann gegen Ende der Woche mehrfach und ungefähr zu den selben Tageszeiten übergeben musste, merkte ich, dass etwas nicht stimmte. Mir war das erstens nicht nur furchtbar unangenehm, sondern ich kenne das auch nicht von mir, dass der Magen aus scheinbar „heiterem Himmel“ so reagiert.

Ich sprach mit meinen Eltern, die beide Ärzte sind und informierte meinen Trainer. Alle machten mir Hoffnung, dass es sich nur um eine Verstimmung des Magens, im schlimmsten Fall einen klassischen  Magen-Darm-Infekt, handeln würde und das Schlimmste trotzdem sicherlich spätestens dann überstanden wäre, wenn der „Übeltäter“, der das Schlammassel ausgelöst hatte, raus aus dem Körper ist.

Als ich mich aber am Sonntag immer noch nicht besser fühlte und nun wirklich kurz nach jeder Mahlzeit starke Bauchschmerzen hatte, fuhr ich spät abends in die Klinik meines Vaters, der in dieser Nacht Notarztdienst hatte.

Er nahm mir Blut ab, testete Urin und wir sprachen nochmal alle Symptome und Beschwerden ab. Mein Vater wollte außerdem sicherheitshalber einen Ultraschall von meinem Bauch machen.

Er meinte, dass er davon ausgehe, nichts zu finden. Er wolle meine Beschwerden nicht kleinreden, aber es käme nicht selten vor, dass derartige Symptome auch durch psychosomatische Vorgänge entstehen könnten à la „Liebe geht durch den Magen“, „es schlägt mir auf den Magen“ etc. Ich sollte also nicht „enttäuscht“ sein, wenn die Suche erfolglos bliebe.

Ehrlich gesagt war ich irgendwie dankbar für diese Ankündigung, denn zwar wären meine Sorgen dann trotzdem nicht unbegründet, aber etwas Schlimmes wäre dann ja zumindest schon einmal ausgeschlossen.

Umso überraschter, vielleicht sogar geschockter war mein Vater, als er während des Ultraschalls plötzlich meinte: „Jetzt hab‘ ich was.“

Das „Was“ befand sich in meinem Dünndarm und mein Vater schien auch sofort zu wissen, worum es sich handelte. Er meinte, kurz nach draußen zu gehen, um mit meiner Mutter zu telefonieren. Vielleicht müsste „das“ operiert werden – und zwar so schnell wie möglich. Morgen müsse sofort ein MRT her.

Ich wusste nichts mit dieser Information anzufangen und warum er nicht in meinem Beisein mit meiner Mutter sprechen konnte. Ich ahnte nichts Gutes. Ein wenig aufgebracht rief ich während mein Vater verschwunden war meinen Freund an, der am nächsten Tag eine wichtige Prüfung schrieb – keine besonders kluge Idee. Im Nachhinein betrachtet.

24. August – 2. September

Am nächsten Morgen fand ich mich nach einer schlaflosen Nacht im Büro meines Vaters wieder. Dort warteten ein paar Liter Wasser mit Kontrastmittel gemischt auf mich, die ich nun innerhalb einer bestimmten Zeit austrinken musste, bevor im MRT genauere Feststellungen über meinen Dünndarm gemacht werden sollten.

Die Stunden zogen sich hin, dass es kaum noch auszuhalten war. Ich wollte endlich Klarheit – und am besten keine OP. Denn Eingriffe am Darm sind keine folgenlose Sache, sagte man mir, manchmal hätte man sein Leben lang mit den Folgen zu kämpfen. Jetzt bin ich 22. Herzlichen Dank, ich verzichte.

Endlich in der Röhre wurde mit eröffnet, dass die Untersuchung wohl etwas länger als normal dauern würde, länger als ich das von ehemaligen MRTs an den Beinen gewohnt wäre. Mir Recht, wenn was Gutes rauskommt. Zudem sollte ich Atem-Kommandos befolgen, um eine gute Qualität der Bilder zu gewährleisten.

„Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Nicht mehr ausatmen. Weiter atmen.“

So ging es gefühlt eine halbe Ewigkeit und als ich schon dachte, es nicht mehr lange auszuhalten (dank der paar Liter Kontrastmittelwasser in meiner Blase musste ich mittlerweile unfassbar dringend auf die Toilette), hörte ich durch meine Kopfhörer die Radiologie-Assistentin sagen: „Frau Reng, wir müssen leider noch ein weiteres Kontrastmittel spritzen. Danach dauert es aber nur noch maximal eine Viertelstunde, keine Sorge.“

„Nur“ noch eine Viertelstunde? Ich hatte ohnehin schon das Gefühl zu platzen. Und dann kam noch das zweite Kontrastmittel hinzu:

Über den Zugang an meinem rechten Arm wurde die Flüssigkeit in meinen Körper geleitet und ich spürte, wie sich ein Junkie fühlen muss: Die Substanz bahnte sich allmählich ihren Weg durch meine Venen. Mir wurde innerhalb von Sekunden unglaublich heiß, Arme, Beine und Oberkörper begannen zu jucken und nur wenige Zeit später konnte ich die Atem-Kommandos kaum noch befolgen. Es war die Hölle.

„War das schon vorher?“ Ich hätte fast bitter losgelacht, als die Assistentinnen meinen nackten Oberkörper betrachteten, der in schönen regelmäßigen Abständen von weißen Punkten übersäht war, der Rest war feuerrot. Außerdem war ich völlig neben der Spur, aufgelöst, richtig panisch. Was passierte da gerade mit mir? Was zur Hölle hatten die da in mich reingespritzt?

Das MRT war abgebrochen worden, ich lag nun auf einer Liege im Vorraum und bekam eine Menge neues Zeug aus riesigen Spritzen verabreicht, von denen ich hoffte, dass sie wenigstens irgendwas besser machen würden: Die Hitze, das Jucken, die komischen Punkte oder die Panik. Und auf Toilette musste ich auch.

Ich hatte eine allergische Reaktion und einen Schock auf das zweite Kontrastmittel bekommen. Anscheinend absolut untypisch für diese Substanz. Aber manchmal ist man eben die Eine aus Hunderttausend.

Erst später am Tag konnte dann eine Analyse meiner eigentlichen Problemzone, dem Darm, stattfinden. Der Verdacht meines Vaters beim Ultraschall war bestätigt worden: Es handelte sich um eine sogenannte Darm-Invagination, bei der sich der Darm quasi in die eigene Wand stülpt und dadurch die Membran überdehnt wird. Zudem kommt es allmählich zu einem Darmverschluss mit dazugehörigen Folgen.

Dies war bei mir im Laufe der letzten Tage geschehen, woher die anhaltend stärker werdenden Schmerzen und die Übelkeit gekommen waren, da sich an der Invaginations-Stelle im Dünndarm eine Art „Rückstau“ gebildet hatte, der schließlich nur durch Erbrechen vom Körper gelöst werden konnte.

Das eigentlich Problematische daran ist, dass im Laufe der Zeit Teile des Darms oder des umliegenden inneren Gewebes absterben können. Dies war bei mir Gott sei Dank nicht der Fall, wie den MRT-Bildern zu entnehmen war. Aufatmen.

Dennoch stellten die Bilder des MRTs die Radiologen vor ein Rätsel: Während der Aufnahmezeit hatte sich die Position meines Dünndarms verändert. Und zwar überraschenderweise in die richtige Richtung. Es schien plötzlich so, als könnte der Darm möglicherweise von selbst mit dem ganzen Kauderwelsch fertig werden. Eine OP wäre dann nicht mehr erforderlich. Nochmal aufatmen.

Ziemlich benommen von den Medikamenten schlief ich mit dieser Nachricht erst einmal ein, es war mittlerweile etwa 16 Uhr. Bis um 10 Uhr des folgenden Tages wachte ich nicht mehr auf.

Auch die nächsten Tage waren geprägt von Müdigkeit und ständiger Beobachtung: Wie geht’s dem Bauch? Was macht der Darm? Hat sich etwas geändert? Kann ich essen? Funktioniert auch „feste“, schwerer verdauliche Nahrung? Es war immer eine gewisse Unsicherheit dabei, aber gegen Ende der Woche stand fest: Eine OP würde zunächst nicht nötig sein. Aufatmen. Aufatmen. Aufatmen.

3. September – Heute

Zunächst bedeutete, dass bei einer (noch anstehenden) Kapseluntersuchung noch das allerletzte Tumor-Risiko oder andere Dinge wie Metastasen oder eine Auto-Immunerkrankung ausgeschlossen werden müssen. Im MRT war davon nichts zu sehen und auch da meine Beschwerden weithin nachlassen, ist davon nicht auszugehen.

Es ist nur nach wie vor unklar, wie es eigentlich zu einer Invagination kommen konnte, wenn es dafür keinen offensichtlichen Grund gab. Normalerweise passiert so etwas nämlich nur bei Babys, wo sich das Problem dann im Laufe der Zeit von selber löst: Der Vorteil der Kleinen gegenüber einer großen Franzi ist, dass sie als Säuglinge erstens ständig wachsen und der Körper sowieso im ständigen Umbau-Modus ist und zweitens, dass sie nur Milch in ihrem Darm haben und deshalb zwar Schmerzen, aber keineswegs so heftige bekommen können.

Tritt eine Invagination dagegen bei Erwachsenen auf, liegt dem Ganzen tatsächlich meist etwas „wirklich“ Schlimmes, wie eben ein Tumor, zugrunde. Aber das ist bei mir hoffentlich nicht der Fall.

Mir ging es, was den Darm betraf, auch in dieser Woche zunehmend besser. Essen klappte ohne Probleme und Nachwirkungen. Das Einzige, das nun anscheinend Nachwirkungen zeigte, war das Kontrastmittel, auf das ich so heftig reagiert hatte:

Innerhalb von einem Tag hatte ich regelmäßig bis zu vier allergische „Anfälle“, bei denen vom Beckengürtel ausgehend am ganzen Körper wieder die vielen juckenden Pusteln auftraten, die mich nachts nicht schlafen ließen und tagsüber auch ziemlich in Schach hielten.

Die Medikamente, die ich (noch immer) nehmen muss(te), um dem entgegenzuwirken, machen unglaublich müde und träge, weshalb ich tagsüber wieder viele Stunden Schlaf brauch(t)e.

Anscheinend wurden durch die „Aktivierung“ bestimmter Antikörper, die auf das Kontrastmittel im MRT reagiert haben, die Zellen in eine Art „Alarmbereitschaft“ gebracht und sind nun besonders empfindlich für Kreuzallergien, die sonst nicht so stark auftreten würden.

Heute kann ich sagen, dass aber auch diese allergischen Reaktionen wirklich immer seltener und weniger stark auftreten. Deshalb hoffe ich einfach, dass sich das Problem mit der Zeit in den Griff bekommen lässt und ich danach endlich wieder „stressfrei“ durchstarten kann.

Und wie geht’s weiter?

Die Hoffnungen, nach dem EM-Aus doch noch zumindest ein wenig in der Herbst-Saison mitzumischen, muss ich nun bis auf weiteres begraben.

Ich stehe nun (wie aber schon so oft in meiner Sportlerkarriere) wieder ganz am Anfang, bei Null. Von hier werde ich mich nun langsam zurückarbeiten, da die sich doch extrem aufsummierenden und quasi aneinanderreihenden Trainingsausfälle seit Anfang Juni, drastisch auf meine sportliche Form und meinen körperlichen Leistungszustand auswirken.

Im November steht mir zudem noch die Metallentfernung aufgrund meiner letztjährigen Schienbein-OP bevor, die ebenfalls wieder einige Wochen Trainingspause bedeutet.

Ich möchte auf jeden Fall erst wieder ins Wettkampfgeschehen eingreifen, wenn ich weiß, dass ich meinen Erwartungen (und zugegeben auch den Vorstellungen anderer) gerecht werden kann. Dies wird im Jahr 2018 nicht mehr passieren.

So traurig das alles klingt, so enttäuscht bin ich selbstverständlich auch. Mit Ausnahme des Deutschen Meistertitels im Halbmarathon war das Jahr für mich ein Totalausfall und von ständigen Rückschlägen geprägt – angefangen mit dem Ausstieg beim Düsseldorf Marathon und nun (hoffentlich!!!) geendet mit einer tatsächlich gefährlichen internistischen Diagnose, bei der wohl trotzdem noch reichlich Glück im Unglück vorhanden war.

Was nimmt man aus so einer Zeit voller Enttäuschungen mit?

Ich muss wirklich gestehen, dass die letzten Wochen und Monate sehr viel mit mir gemacht haben: Sie haben mir gezeigt, wie dankbar man sein muss für Gesundheit. Sie haben mir gezeigt, wer hinter mir steht und an wem ich mich in solchen Momenten der Enttäuschung festhalten kann. Und sie haben in mir eine Art Trotzigkeit ausgelöst, die ich als absolut nicht negativ empfinde:

Ich will einfach nicht aufgeben – warum denn auch? Gute Sachen passieren, schlechte Sachen passieren, das Leben geht weiter und weiter. Ich kann nicht mal sagen „es ist schlecht gelaufen“, weil es nämlich gar nicht gelaufen ist. Und genau aus diesem Grund habe ich auch keineswegs verloren oder versagt.

Ich möchte in den kommenden Monaten daran arbeiten, gesund und motiviert zurückzukommen. Und das kann ich. Es braucht auch immer Glück, das habe ich die letzten Monate gemerkt, aber vielleicht habe ich davon nun ein bisschen mehr. Ich weiß es nicht. Ich hoffe es eben.

Ich möchte solange aber natürlich auch andere Projekte vorantreiben. Ich stecke derzeit meinen Tatendrang, meine Ideen und meine Kreativität voll und ganz in meine zweite Leidenschaft, das Schreiben. Denn einen riesigen Vorteil sehe ich hier auf jeden Fall: Während man von sportlichen Erfolgen grundsätzlich vor allem selbst und alleine zehrt, kann man Worte, Geschichten und Gedanken mit Lesern und Zuhörern teilen, da sie bei ihnen ebenfalls etwas auslösen können.

Selbstverständlich werden jedoch auch diese „Projekte“ (ich finde das Wort ganz fürchterlich, ehrlich gesagt) noch ein wenig Zeit brauchen, bis sie reif genug sind. Und deshalb muss ich leider den vertröstenden Worten verbleiben „dazu später mehr“ und glücklicherweise mit dem Schluss „Unkraut vergeht nicht“, aber ganz sicher nicht mit „over and out“.

Eure Franzi