Dass ich nicht in der Lage bin, in Dilemma-Situationen rational und vor allem schnell eine Entscheidung zu fällen, ist traurig. Daran ändert leider auch der gymnasiale Lehrplan des Freistaates Bayern nichts, der für die achte Jahrgangsstufe das ethische Dilemma im Fach katholische Religion vorsieht.
Aus meiner Sicht ist das auch keine religiöse oder gar spirituelle Problematik, sondern viel mehr eine Frage, ob man dazu bereit ist, in einer Sache Abstriche zu machen, um in einer anderen Sache weiterzukommen.
Weiterkommen ist ein gutes Stichwort. Denn das war ich Ende August tatsächlich schon wieder um ein gutes Stück, wenn es um meine läuferische Verfassung ging.

Ich stand nicht nur auf zwei gesunden (!!!) Beinen. Ich konnte wieder laufen.
Nicht viel, nicht lange, aber laufen. Richtig echtes Laufen.
Schritt für Schritt begann der Körper, sich wieder an die Bewegung, an die Belastung und an immer längere Dauerläufe zu gewöhnen. Mittlerweile war ich schon wieder in der Lage, bis zu zehn Kilometer am Stück zu laufen. Und allein sich das auf der Zunge zergehen zu lassen, machte mich stolz wie ein kleines Kind: zeeeehn Kilometer. Zeeeeeehn.

Darüber konnten die anderen meiner Trainingsgruppe nur müde lächeln. Sie bereiteten sich bereits auf den ersten Saisonhöhepunkt des Herbstes, die Deutsche Meisterschaft über 10 Kilometer Straßenlauf in Bad Liebenzell vor. Ich lief ihnen dabei noch immer weit hinterher.
Und doch suchte mein Trainer irgendwann das Gespräch mit mir: „Franzi, du solltest in Bad Liebenzell auch an den Start gehen. Du wärst auch in moderater Geschwindigkeit eine wichtige Verstärkung für das U23-Team.“
Moderate Geschwindigkeit! Ich hatte ja noch nicht mal ein einziges Tempotraining gemacht, geschweige denn einen gesteigerten Dauerlauf, eine Tempoverschärfung – nichts! Damit hatte ich nicht gerechnet. Mir war zwar bewusst, dass in diesem Jahr ein paar unserer Mädels nicht an den Start gehen können würden – aber da hatte ich mich selbst mit einbezogen. Ein echtes Rennen? Jetzt?

Klar, den Regensburger Frauenlauf hatte ich bereits gut hinter mich gebracht und es war einfach schön gewesen, mal wieder an einer Startlinie zu stehen. Aber das war ja ein Spaßrennen, in dem es um nichts ging. Und es waren nur 6 Kilometer. Und keine Meisterschaft. Und überhaupt…!
Da stand ich also: Mitten im Dilemma.

Mir war schnell klar, dass ich riesigen Respekt, wenn nicht sogar Angst davor hatte, mich so früh schon wieder in ein Rennen mit all den guten Läuferinnen zu stellen, die trainiert waren, fit, leistungsstark. Ich mit meinen drei Läufen pro Woche, inklusive Alternativtraining und Pausentagen fühlte mich dagegen wie eine Hobbysportlerin und wollte mich nicht vorführen lassen. Man weiß schließlich, was man mal konnte. Wer möchte sich schon absichtlich in geschwächter Form präsentieren?

Aber es ging nun mal ums Team. Und gerade bei uns in Regensburg wird dieser Teamgedanke besonders groß geschrieben. Die Mannschaftserfolge sind schon immer die Regensburger Stärke. Und wenn ich in der U23 zum Teamergebnis etwas beisteuern konnte, sollte ich mich da wirklich nicht zieren.
Ich muss zugeben, dass mir die Entscheidung wirklich nicht leichtfiel. Vielleicht hatte ich nicht wirklich eine Wahl, aber kurz vor dem Rennen hätte ich mich immer noch am liebsten irgendwo im Kurpark von Bad Liebenzell versteckt.

Noch vor einem Jahr hätte ich mich mutig in die erste Reihe gestellt, ganz vorne. Normalerweise hätte ich selbstsicher in die Kameras und Gesichter der Zuschauer gelächelt. Normalerweise. Dieses Mal war alles anders.
Selbstvertrauen? Fehlanzeige.
Optimismus? Keine Spur.
Stattessen Zweifel und Nervosität.

Herzo-Run

Foto: Kiefner

Der Startschuss fiel und ich brauchte wie immer ein paar hundert Meter, um den operierten Fuß an die Laufbewegung zu gewöhnen. Ich war ganz hinten im Feld. Was hatte ich anderes erwartet?
„Mach’s für die Mannschaft. Wenigstens für die Mannschaft. Du brauchst bloß ins Ziel zu kommen“, versuchte ich, mich zu motivieren. Aber irgendwie kam ich mir dabei auf einmal völlig fremd vor? Wo war mein Ehrgeiz geblieben? Der Wille, alles zu geben? Es war schon viel zu lange her, dass ich körperlich über meine Grenzen hinausgegangen war. Und einen Versuch war es ja wert, oder?
Ich fasste mir ein Herz, machte schnellere Schritte, arbeitete mich nach vorne, immer weiter, immer weiter. Und irgendwann setzte das Denken aus. Und damit alle Sorgen, ob ich das Tempo auch bis zum Schluss würde durchhalten können. Ich ließ es einfach laufen. Ich versuchte, den Atem ruhig zu halten, mich von den Beinen über den Asphalt tragen zu lassen. Bis ins Ziel.

Dort brachen dann alle Dämme. Nicht weil es geschafft war, sondern weil es gut war. Es war nicht nur so ein „Im-Verhältnis-dafür,-dass-du-ja-so-lange-verletzt-warst-Gut“, sondern ein echtes Gut. Und gefühlt war es in diesem Moment mindestens ein „Perfekt“.

Herzo-Run

Foto: Kiefner

Ich zog unfassbar viel Motivation und Kraft aus diesem Rennen. Kraft, die ich nicht einmal unbedingt dafür brauchte, die Laufeinheiten der nächsten Wochen zu überstehen, sondern vielmehr dafür, jetzt nicht gleich wieder zu übertreiben. Weiterhin meine Pausentage einzulegen. Weiterhin ins Wasser zu gehen. Schritt für Schritt und nichts überstürzen.
Denn das nächste Ziel war bereits gesetzt: Ein weiteres 10km-Rennen in Berlin Anfang Oktober – The Great 10k. Hier wollte ich testen, ob sich das Training der Wochen seit Bad Liebenzell ausgezahlt hatte. Womit wir wieder beim Stichwort wären: Weiterkommen.

Die folgenden Wochen bestanden aus einem Trainingsmischmasch mit Alternativeinheiten, Dauerläufen, einem allersten Bahntraining und zwei ersten langen Dauerläufen. Und ja: Alles machte Spaß, jedes gelungene Training war für mich ein echter Grund zur Freude – und doch noch meilenweit entfernt von dem, was ich früher trainieren konnte.
Und natürlich verlief auch dieses Aufbautraining nicht ohne Schwierigkeiten, im Gegenteil: Nach wie vor neigte ich dazu, eine Schonhaltung für mein operiertes Schienbein einzunehmen. Die Muskelkoordination hatte sich einfach noch immer nicht völlig eingespielt. Viel Reha und Physiotherapie waren nötig.

Trotzdem ging es vorsichtig optimistisch mit meinen beiden Vereinskollegen Johnny Koller und Felix Plinke hoch in den Norden nach Berlin. Besonders herzlich war der Empfang dort nicht: Regen, Wind, herbstliche Kälte. Also genau so, wie ich es absolut nicht mag. Im Hotelzimmer wurde dank meiner Zimmerpartnerin Katharina Heinig sogar noch ein improvisiertes Langbein-und-arm-Outfit zusammengestellt. Fast schon wie im Winter.
Pünktlich zur Startzeit am Sonntag um 12 Uhr strahlte dann aber plötzlich die Sonne und bis auf den Wind und die noch immer etwas kühlen Temperaturen stand einem schönen Rennen durch die Hauptstadt plötzlich nichts mehr im Wege.

An der Startlinie verkroch ich mich zwar wieder in einer der hinteren Reihen des Elite-Feldes, um nach dem Startschuss wie zu erwarten von der Masse der unzähligen Läufer förmlich überrollt zu werden. Dann stellte sich aber nach und nach wieder das schöne gedankenlose Laufgefühl ein, das ich schon in Bad Liebenzell gespürt hatte.
Allein an manchen Stellen sorgte der doch etwas kräftigere Wind für Probleme mit der Atmung. Aber vielleicht war ich die schnellere Atemfrequenz auch einfach nicht mehr gewohnt? Ich versuchte mich mit der schönen Berliner Kulisse mit Tiergarten, Geschäften und den breiten Straßen abzulenken. So hätte ich bei Kilometer neun fast schon den Endspurt verpasst. Wobei man bei meiner derzeitigen Maximal-Beschleunigung ja noch nicht ernsthaft von „Spurt“ sprechen dürfte.
Da ist eben noch Luft nach oben. Aber flotter als in Bad Liebenzell war ich. Und zwar deutlich. Es war erneut ein gutes Rennen. Gefühlt zwar diesmal nicht perfekt, aber Tage wie in Bad Liebenzell, an denen einfach alles stimmt, gibt es selten.

Liebenzell bis Berlin 4

Foto: Reetz

Das was zählt, ist der Fortschritt. Der Beweis, weitergekommen zu sein. Die Richtung stimmt. Vielleicht finde ich nun ja noch einen Ort für den Abschluss meiner verkürzten und dafür emotional umso intensiveren Herbst-Saison. Ein Ort, an dem ich zeigen kann: Jetzt bin ich wirklich bald wieder „back to business“. Ein Ort für meinen Superlativ , ganz nach dem Schema:

Gut, besser, am besten – Bad Liebenzell, Berlin, … ???
Es bleibt spannend!