Die folgenden Zeilen kosten mich viel Kraft. Kraft, die ich in den vorhergehenden Wochen und Monaten Stück für Stück sammeln musste. Kraft, die ich lange Zeit verloren hatte und sehr froh bin, sie nun endlich wieder dafür nutzen zu können, meinen Zielen jeden Tag näher zu kommen. Allerdings haben sich meine Ziele geändert.

Ich werde in Zukunft kein Langstreckenlauf- und Marathontraining mehr betreiben. Ich möchte mich stattdessen ab sofort einer neuen sportlichen Herausforderung stellen: Triathlon.

Diesen Entschluss habe ich lange durchdacht, oft genug auch wieder verworfen, dann erneut aufgegriffen, definitiv weder überstürzt noch allein im stillen Kämmerchen gefasst. Nicht erst seit gestern, nicht erst seit ein paar Wochen oder Monaten – sondern innerhalb des Zeitraums von über einem Jahr ist meine Entscheidung allmählich gereift. Ich bin nun endlich in der Lage, sie auszusprechen und vor allem auch zu erklären, was mich dazu bewogen hat.

Dieser Beschluss entstand weder unter dem Einfluss von Leistungs- oder Konkurrenzdruck noch den Interessen anderer. Er ist das Resultat aus unleugbaren Tatsachen, teils zermürbenden Überlegungen, intensiven Gesprächen mit mir nahestehenden Personen, nicht zuletzt auch ärztlicher Beratung und: er fühlt sich zum jetzigen Zeitpunkt richtig für mich an.

Ich bin physisch und psychisch an einen Punkt gelangt, an dem ich einen Schlussstrich unter das ziehen muss, was mir in den letzten Monaten ganz offensichtlich nicht gutgetan hat. Da ich trotzdem damit rechne, dass ich im ersten Moment einige verwundern oder sogar vor den Kopf stoßen werde, möchte ich an alle, die sich ernsthaft dafür interessieren, die folgenden Worte richten.

Um noch eines vorab klarzustellen, sei so viel gesagt: Es tut mir leid. Es tut mir ernsthaft leid, denn ich habe ein schlechtes Gewissen all denen gegenüber, die trotz meiner bewegten sportlichen Karriere, der ständigen Berg- und Talfahrt, dem ewigen Auf und Ab, nie den Glauben an mich verloren haben. Die nie an meinen Comebacks gezweifelt haben. Von denen aber auch nur die Allerwenigsten den mitunter sehr hässlichen Kampf mitbekommen haben, den ich im vergangenen Jahr mit mir selbst ausgefochten habe. Denn als Sportlerin mit Ehrgeiz und hoch gesteckten Zielen ist es sehr schmerzhaft, eine derart bittere Wahrheit zu akzeptieren:  Ich kann den von mir geliebten Laufsport nicht mehr so betreiben, wie ich es gerne tun würde. Es fällt mir dabei nicht schwer, meine ehrlichen Gedanken und Gefühle zu äußern. Es fällt mir nur schwer, loszulassen.

Zwischen Sorgen und Fragezeichen

Erfahrungen, ob positiv oder negativ, machen uns zu dem, was wir sind. Im vergangenen Jahr ist mir vieles passiert, das ich so noch nicht erlebt habe und darunter war leider – so ungerne man sich das selbst eingesteht – überwiegend Negatives. Mehr, als man in ein paar Sätze packen könnte und trotzdem möchte ich versuchen, nachvollziehbar zu machen, was mich dazu bringt, genau diese Konsequenzen zu ziehen, die für manche auf den ersten Blick drastisch wirken mögen.

Mit dem Erzählen muss ich etwas weiter ausholen. Und zwar beginne ich am 29. April 2018: An diesem Tag stand ich zum letzten Mal an der Startlinie eines Marathons. Ich hatte mir viel vorgenommen, war nach einem zunächst enttäuschenden Winter endlich wieder verdammt fit, vermutlich sogar in der besten Form meiner läuferischen Karriere bislang. Ich konnte zwei Wochen zuvor bei den Deutschen Halbmarathon-Meisterschaften noch sehr locker eine 1:14er-Zeit aus der umfangreichen Marathonvorbereitung heraus laufen und war ehrlich gesagt selbst davon überzeugt, genau dieses Tempo bei guten Bedingungen und mit  vorausgehendem Tapering doppelt so lange durchhalten zu können. An dieser Stelle muss man vielleicht ergänzend anmerken, dass ich, was sportliche Selbsteinschätzung betrifft, tendenziell dazu neige, eher tief als hoch zu stapeln.

Ich wählte beim Düsseldorf Marathon, wie bei den meisten meiner besseren Rennen, ein forsches Angangstempo und war mir sicher (trotz eines noch stürmischeren Pacemakers, der mir schon innerhalb kürzester Zeit enteilt war), dass am heutigen Tag alles angerichtet war für eine Leistung, mit der ich sehr zufrieden sein würde: Nach den ersten Kilometern ließ der strömende Regen nach und wenig später begegnete ich auf der Strecke Tobias Singer, der von diesem Moment an wie ein Uhrwerk vor mir herlief. Noch bis Kilometer elf hatte ich das beruhigende Gefühl, dass wir das Ding zusammen ziemlich ordentlich durchziehen könnten. Doch bald darauf kam völlig unerwartet mein Einbruch: Beim Hinablaufen der Oberkasseler Brücke spürte ich zum ersten Mal starke Schmerzen in der unteren Bauchgegend. Mir wurde innerhalb weniger Minuten verdammt übel. Ich verlangsamte zunächst das Tempo, schickte Tobias irgendwann weiter und versuchte, dennoch Ruhe zu bewahren. Vielleicht würde ich mich ja wieder fangen. Bei Kilometer achtzehn war dann schließlich aber alles so unerträglich, dass ich mich in einen der hübschen Vorgärten des Kaiser-Friedrich-Rings übergeben musste. Ich schämte mich, lief wieder los. Fünfzig Meter später das selbe Spiel. Nach dem dritten gescheiterten Versuch, weiterzulaufen, gab ich auf. Ich wusste nicht, was es war, aber es raubte mir an diesem Tag die Chance, unter Beweis zu stellen, was ich draufhatte. Wahrscheinlich irgendeine Magengeschichte. Was Schlechtes gegessen. Kommt vor.

Die Monate darauf waren geprägt von Krankheiten: Ständig hatte ich irgendwelche Infekte. Einen Monat lang Grippe, dann wieder tagelang Bauchschmerzen und Übelkeit, wieder eine Erkältung hier, ein Virusinfekt da. Ich sagte schweren Herzens die Europameisterschaften in Berlin ab. Es nahm trotzdem kein Ende. Ich fuhr mit meiner Mutter nach Zell am See, um Abstand zu gewinnen, machte eine komplette Sportpause, verlängerte sie, kam nie mehr richtig rein ins Laufen. Erst im August fühlte ich mich dazu in der Lage, wieder ein einigermaßen geregeltes Training aufzunehmen. Viele Monate später als gehofft, im September, wollte ich dann endlich wieder einen Wettkampf laufen: Die Deutschen Straßenlaufmeisterschaften. Mir war klar, dass ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht in überragender Form, aber vielleicht ja zumindest eine Unterstützung für die Vereinsmannschaft sein würde.

An einem Nachmittag zwei Wochen zuvor traf ich mich mit meiner Mannschaftskameradin Conny Griesche, um Waffeln zu backen. Für den Abend war ein Dauerlauf geplant. Doch dazu kam es nie: Kurz nach dem Loslaufen wurde mir mit einem Mal so übel, dass ich stehenbleiben und mich übergeben musste. Ich schämte mich, lief weiter. Wenige Meter später das selbe Spiel. Ich ließ das Training ausfallen und ging nach Hause. Ich rief meinen Trainer an und holte mir Rat von meinen Eltern, die Ärzte sind. Alle waren sie derselben Meinung: „Du hast dir halt den Magen verdorben. Das waren bestimmt die Waffeln. Warte zwei Tage, wenn alles wieder draußen ist, geht es dir wieder besser. Was Schlechtes gegessen. Kommt vor.“

Vom Warten wurde es nicht besser, es wurde schlimmer. Ich konnte Mahlzeiten kaum länger als zwei, drei Stunden behalten. Manchmal ging es noch schneller. Ich hatte Hunger, aß etwas, bekam sofort Bauchschmerzen, übergab mich, hatte kurz darauf wieder Appetit… Es war schon fast ein bulimischer Kreislauf, dessen Auslöser ich nicht kannte. Ich ekelte mich vor mir selbst und wollte nichts mehr, als dass es endlich aufhörte. Mein Körper war nicht in der Lage, irgendeine sportliche Leistung zu bringen. Ich hatte Schmerzen und wusste nicht, woher. Nach einigen Tagen war ich so am Ende, dass ich noch spät nachts meinen Vater anrief, der Gastroenterologe ist, und ihn bat, mich zu untersuchen. Da stimmte etwas ganz und gar nicht mit mir, das spürte ich.

Bevor mein Vater einen Ultraschall von meinem Bauch machte, meinte er vorab jedoch vorsichtig, dass ich nicht enttäuscht sein solle, falls er nichts finden würde. Er befürchtete eine Art psychische Stressreaktion vor dem Wiedereinstieg ins Wettkampfgeschehen. Schließlich ahnte ich ja schon, dass meine Leistung bei den Deutschen Straßenlaufmeisterschaften nicht besonders glanzvoll sein würde. Vielleicht machte ich mir etwas zu viele Sorgen. Es sei normal, dass bei Versagensängsten auch mal der Darm und der Magen in „Mitleidenschaft gezogen“ würden, zumal ich ja schon immer eine Meisterin im „Zerdenken“ von Dingen war. Ich traute plötzlich meinem eigenen Gefühl nicht mehr: Saß der Auslöser vielleicht doch in meinem Kopf und nicht im Bauch?

Zunächst sah es tatsächlich ganz danach aus, als ob sich die Vermutung meines Vaters bewahrheiten würde: Auf dem Ultraschallbild schien alles in bester Ordnung zu sein. Doch plötzlich entdeckte mein Vater etwas im Bereich des Dünndarms, was ihn stutzig machte. Mein Vater ist bühnenerfahren – hätte ich ihn nicht schon seit 22 Jahren gekannt, wäre mir die Besorgnis in seinen Augen nicht aufgefallen. Doch als er nach ein paar knappen Sätzen schließlich das Zimmer verließ, mit der Begründung, meine Mutter anrufen zu wollen, war mir klar, dass hier ganz und gar nichts nach Plan verlief. Warum konnte er nicht in meinem Beisein telefonieren? Was sollte ich nicht wissen?

Ich blieb wie versteinert auf der Krankenliege zurück, neben mir nur das flackernde Display des Ultraschallgeräts und von draußen gedämpfte Stimmen. Ich fühlte mich einsam. Als mein Vater zurückkehrte, hatte sich seine Miene noch immer nicht entspannt und er bat mich, sofort nach Hause zu fahren, um zumindest noch ein paar Stunden Schlaf zu bekommen – so gut es ginge. Am nächsten Morgen sollten die Untersuchungen im Krankenhaus so früh wie möglich fortgesetzt werden. Er sagte, wir hätte nicht viel Zeit.

Zwischen Glück und Unglück

Ich machte in den kommenden Stunden selbstverständlich kein Auge zu. Ich durfte nichts essen, trank stattdessen ab 6 Uhr morgens literweise Kontrastmittel. In der MRT-Röhre erlitt ich zu allem Überfluss einen allergischen Schock und verlor kurzzeitig das Bewusstsein. Die Aufnahmen mussten später wiederholt werden. Der Tag wurde allmählich zu einem ansehnlichen Höllentrip: Ständig wurden irgendwelche anderen Substanzen in mich reingespritzt, mal war mir heiß, mal kalt, mal juckte es mich am ganzen Körper, mal fühlte ich mich taub.

Es stellte sich bei den Untersuchungen jedoch zu Allererst etwas Gutes heraus. Nämlich, dass ich großes Glück gehabt hatte: Mein Dünndarm befand sich möglicherweise schon tagelang in einer Position, die sich Stück für Stück zu einem veritablen Darmverschluss entwickelt und allmählich die Versorgung von lebenswichtigen Organen bedroht hatte. Werden Organe für zu lange Zeit nicht ausreichend durchblutet, sterben sie ab. Es konnten glücklicherweise noch rechtzeitig Gegenmaßnahmen ergriffen werden, um bleibende Schäden zu vermeiden.

Nun gab es also Gewissheit: Ich hatte bei all den Übelkeitsanfällen nicht einfach etwas Schlechtes gegessen. Ich hatte mir nicht den Magen mit irgendwelchen selbstgebackenen Waffeln verdorben. Die Schmerzen waren durch eine Engstelle im Darm verursacht worden. Und das möglicherweise nicht zum ersten Mal. Somit bekam ich jetzt, ein halbes Jahr nach dem Düsseldorf Marathon, erstmals eine plausible Erklärung für mein unglückliches Ausscheiden und die ständigen Infektionen und Erkrankungen der darauffolgenden Zeit. Man erklärte mir, dass solche „Darm-Invaginationen“, wie sie in der Fachsprache genannt werden, normalerweise nur bei Säuglingen auftreten. Kommen solche Engstellen dagegen bei Menschen im Erwachsenenalter vor, sind sie oftmals ein Anzeichen für Metastasen, Tumore, Kanzerogene oder anderes schädliches Gewebe. Daher die besorgte Reaktion meines Vaters bei der Ultraschalluntersuchung.

Und wieder kann ich von großem Glück sprechen, wenn ich sage, dass weder damals noch in den seitdem vergangenen Monaten etwas Derartiges bei mir gefunden werden konnte. Die Invaginationen entstehen und entstanden – bis zum Beweis des Gegenteils – spontan, sind reversibel und nicht auf eine Tumorerkrankung zurückzuführen. Mein Körper, besser gesagt mein Darm, neigt allerdings scheinbar chronisch zu derartigen „Einstülpungen“, die durch ihr Auftreten gewisse kurzfristige und langfristige Folgen nach sich ziehen können, wie eben Übelkeit, heftige Schmerzen und im schlimmsten Fall einen kompletten Darmverschluss.

Recherchiert man im Internet zu „Darminvagination im Erwachsenenalter“, liest man schnell auf einschlägigen Seiten, dass ein chirurgischer Eingriff nötig ist. Mein Vater setzte selbstverständlich alles dran, um diesen Schritt zu vermeiden: Eine Operation im Darmbereich hinterlässt, wie auch an allen anderen Stellen des Körpers eine Narbe. Nicht unbedingt die praktischste Stelle dafür, wenn man gerade erst 22 Jahre alt ist, den größten Teil seines Lebens noch vor sich hat und außerdem gerne noch regelmäßig mit Leistungssport den Körper an seine Grenzen bringt.

Nachdem ich das Krankenhaus letzten Endes tatsächlich ohne operativen Eingriff verlassen durfte, hatte sich für mich einiges geändert: Mir war plötzlich ziemlich egal, wann, wie und ob es überhaupt mit dem Sport weitergehen würde. Wenn man froh sein kann, am Leben zu sein, weil man im richtigen Moment doch geistesgegenwärtig genug war, sich in ärztliche Behandlung zu begeben, bevor irgendwann die ersten Organe versagt hätten, denkt man nicht an irgendwelche Marathon-Trainingspläne. Ich spürte in dieser Zeit zum ersten Mal am eigenen Leib, wie kostbar das Leben ist, weil man eben kein zweites mehr übrig hat. Ich hatte in der Folgezeit mit weiteren gesundheitlichen Einschränkungen zu kämpfen, aber das nimmt man dann eben so hin. Man vermisst weniger und wird dankbarer für alles, was man hat.

Zwischen Kopf und Kampf

In dieser Zeit nach dem Krankenhaus, etwa ab Oktober 2018 reagierte mein Körper scheinbar auf alles in meiner Umgebung allergisch: Es vergingen Wochen, in denen ich mich teilweise nicht aus der Wohnung traute, weil ich ständig Ausschläge, manchmal sogar Kreislaufprobleme und Atemnot bekam. Allerdings passierte mir das ebenso in den eigenen vier Wänden. Es gab Situationen, in denen ich frisch geduscht noch während dem Haartrocknen, schon wieder weiße Flecken auf geröteter Haut bekam, die sich innerhalb kürzester Zeit über den ganzen Körper ausbreiteten. Ich wusste irgendwann nicht mehr wohin mit mir, um dem ständigen Unwohlsein in der eigenen Haut zu entkommen. Beim Essen mancher Lebensmittel schwoll mein Gesicht an, mein Hals schnürte sich zu oder der Innenraum meines Munds brannte wie Feuer. Woher soll man bitte wissen, was man nicht vertragen hat, wenn man ein Gericht gegessen hat, das man schon hundertmal gekocht hat? Ich fühlte mich an keinem Ort mehr „sicher“, weil ich befürchtete, erneut in die unangenehme Situation zu kommen, rot anzulaufen, Juckreiz zu bekommen, nach Luft zu ringen, sagte Treffen ab, vermied es, auswärts essen zu gehen. Wenn man sich dann von einem Allergologen erklären lässt, was man alles nicht verträgt, ist das erst einmal ein Schock, weil man das Gefühl hat, sein komplettes Leben einschränken zu müssen.

Ich gab trotzdem mein Bestes, um die Stoffe, die allergische Reaktionen hervorriefen, so gut es ging zu meiden, alles danach auszurichten. Aber es fiel mir weiß Gott nicht leicht. Selbst heute passiert es mir noch immer regelmäßig, dass ich in fremder Umgebung plötzlich extrem allergisch reagiere, ohne genau zu wissen, warum. Dass ich irgendetwas esse und sofort merke: Okay, das war jetzt nicht clever. Ich nahm daher in den ersten Monaten nach dem Darmverschluss verschiedene Medikamente ein. Sie verhinderten Atemnot und Ausschläge, machten mich dafür aber müde und träge, schränkten meine Leistungsfähigkeit weiter ein. Ich hatte sogar tagsüber ein extremes Schlafbedürfnis und fühlte mich dennoch ausgelaugt. Ich nahm innerhalb kürzester Zeit eine beträchtliche Menge an Gewicht zu, die nicht nur der Tatsache geschuldet war, dass ich nun deutlich weniger Bewegung hatte als in den Vorjahren.

Das Schlimmste war jedoch: Ich schämte mich irgendwann für all das. Fühlte mich nicht mehr wohl in meinem eigenen Körper. Ich versuchte, mich zu verstecken, Kleidung zu tragen, bei der man nicht wirklich merkt, dass sich meine Figur verändert hatte (und ich ertappe mich auch heute noch ab und zu bei solchen Gedanken) und trotzdem bildete ich mir ein, von jedem immer und überall angestarrt zu werden. In sozialen Netzwerken wurden mir darauf bezogen Dinge geschrieben, die ich nicht wiederholen möchte. Und das nicht, weil sie unaussprechbar boshaft gewesen wären, sondern weil sie mich verletzt haben. Nicht weil sie offensiv beleidigend, sondern in ihrer Art und Weise einfach rücksichtslos waren. Trotzdem hätte mich das nicht treffen dürfen. Konnte man es denn wissen, dass es mir nicht gut ging?

Ich bin ein Mensch, der grundsätzlich in jeder Lebenssituation positiv und optimistisch ist und auch versucht, das nach außen hin auszustrahlen. Ich wollte und konnte daher nur sehr wenigen Menschen zeigen, was wirklich los war. In dieser Zeit, zwischen Ende des Jahres 2018 und den ersten Monaten des Jahres 2019 ging es mir jedoch verdammt schlecht: Ich wachte regelmäßig nachts von Alpträumen schweißgebadet auf und bekam Panikattacken, wenn ich allein war. Ob es nur daher rührte, dass mir irgendwelche hirnlosen Menschen sagten, ich sei „fett“ geworden oder sich anderweitig über meinen körperlichen Zustand ausließen?

Nein. Es lag daran, dass ich begonnen hatte, mich selbst innerlich fertigzumachen. Nach außen hin ließ ich mir nichts oder zumindest wenig anmerken. Mit blöden Kommentaren oder unreflektierten Aussagen konnte ich gut umgehen, hatte immer schlagfertige Argumente parat, spielte es herunter. Das Lachen darüber war meine stärkste Waffe. Sie war zwar ein Schutzwall vor anderen, aber zu mir selbst war ich viel zu hart: Innerlich war ich nicht nur traurig und enttäuscht von mir, ich verabscheute mich zunehmend selbst. Das, was die geschwächte Physis mit einer stabilen Psyche wieder hätte wett machen können, richtete ich gänzlich zugrunde: Ich sah mich als Verliererin, als unfähigen Menschen, der versagt hatte.

In einer durch Zweifel und kreisende Gedanken erneut schlaflosen Nacht, ausgerechnet der Nacht vor meiner letzten Uni-Prüfung des Wintersemesters im Februar dieses Jahres, fasste ich schließlich den Entschluss, dass es so nicht weitergehen konnte und ich nun irgendetwas verändern würde.

Was ich damit meine? Ich hatte erkannt, dass all die Traurigkeit, die Enttäuschung, die für andere nicht erkennbare Dunkelheit, die mich umgab, nur von einer einzigen, eigentlich unerheblichen Tatsache ausgingen, die sich für mich aber anfühlte, als sei sie hunderte Tonnen schwer: Der bloßen Tatsache, dass ich nicht laufen, oder zumindest nicht richtig gut, oder zumindest nicht meinen Ansprüchen, meinen unglaublich hohen Ansprüchen genügend, laufen konnte. Dass ich zwar trainieren konnte, aber eben nur eingeschränkt. Dass ich manchmal nach einem Kilometer mit der Gruppe einfach wortlos und irgendwie beschämt umdrehen musste, weil der Körper nicht bereit war. Dass ich, wenn ich mal wieder zehn Kilometer geschafft hatte, mich danach drei Tage fühlte wie nach einem Marathon, weil mein Körper furchtbar schlecht regenerierte. Das Glücksgefühl, überhaupt laufen zu können, war reiner Unzufriedenheit und Zweifeln gewichten, die allmählich begannen, an meiner Motivation zu nagen. Hatte ich überhaupt noch Bock, mir das alles hier anzutun?

Gleichzeitig gingen mir die Inhalte des rehabilitativen Trainings, das ich streng genommen schon seit Düsseldorf 2018 aufgrund der vielen kleinen Erkrankungen betrieben hatte, furchtbar auf die Nerven. Ich hatte keine Lust mehr auf Aquajoggen, Dauerläufe im „Spaziertempo“, weil mich alles andere in meinem desolaten Zustand überfordert hätte. Ich hatte keine Freude mehr an dem, was ich tat. Ich wollte endlich wieder Sport machen, der es in meinen Augen wert war, als Leistungssport bezeichnet zu werden. Ich wollte die alte Franzi sein und wusste nicht mehr, wie ich das hinbekommen sollte.

Insgeheim wünschte ich mir manchmal, einfach nur verletzt gewesen zu sein. Einfach im März mit einem gebrochenen Bein ausgestiegen zu sein, dass dann wieder zusammenheilt. Doch so „einfach“ war es dieses Mal nicht. Und plötzlich war mir nicht klar, ob ich überhaupt noch bereit war, diesen komplizierten Weg zu gehen.

Zwischen Problemen und Lösungen

Ich begann deshalb im Frühjahr wieder zu schwimmen. Richtig zu schwimmen, nicht nur baden gehen als Erholung. Seit Jahren hatte ich keine Badekappe mehr getragen, war nie mehr als 200 Meter am Stück geschwommen. Ich war ehrlich gesagt nie ein Freund von Wasser gewesen, seit ich als Jugendliche Schwimmverein gegen Leichtathletik getauscht hatte. Aber jetzt war es plötzlich mein Ausweg, eine kleine Rettung vor dem dunklen Sumpf: Durch die verstärkte Belastung der Arme und die mögliche Entlastung der Beine, die einfach viel mehr Regenerationszeit nach dem Laufen brauchten, konnte ich endlich wieder etwas machen, das sich für mich wie „Training“ anfühlte. Mich verausgaben. Fortschritte erzielen. Das Gefühl machte mich glücklicher, als ich es für möglich gehalten hätte. Während ich beim Laufen nur in einem Tempo trainieren konnte, das mich jedes Mal aufs Neue stark deprimierte, war das Schwimmen mein Weg, um mir selbst klarzumachen: Dein Körper kann noch. Du bist nicht so erbärmlich dran, wie du es dir gerade einbildest.

Gleichzeitig entdeckte ich das Radfahren für mich. Seit es im Frühjahr das Wetter zuließ, fuhr ich zum ersten Mal in meinem Leben draußen Rennrad – und es machte mir tatsächlich von Beginn an großen Spaß. Ich konnte damit weiter mein defizitäres Lauftraining kompensieren, bei dem ich nach wie vor an eine bestimmte Grenze stoße, sobald die Muskeln eine gewisse Belastungsgrenze erreicht haben. Ich entwickelte mit der Zeit einen richtigen Ehrgeiz, besser zu werden, schneller zu werden, länger durchzuhalten, nicht beim ersten Berg schon brennende Beine zu bekommen. Und da ich einfach ein Mensch bin, der Geschwindigkeit liebt, fühle ich mich dabei ehrlich gesagt aktuell wohler als bei einem meiner sporadischen Dauerläufe, die einfach nicht das sind, was sie einmal waren. Selbst wenn ich auch hierbei eine positive Entwicklung sehe und definitiv nicht undankbar sein will, dass schon „mehr geht“ als noch im Frühjahr oder Winter.

Mein Unwort der letzten eineinhalb Jahre ist trotzdem „Geduld“: „Du musst Geduld haben. / Lass dir Zeit. / Das wird schon.“, war der immer wiederkehrende Refrain, der von unzähligen Menschen gebetsmühlenartig wiederholt wurde. Alles gut gemeint. Alles mit einer guten Intention. Aber leider auch alles völliger Bullshit.

Ich muss all diejenigen enttäuschen, die mir das ständig und immer, immer wieder aufs Neue vorgepredigt haben, bis ich vielleicht sogar selbst daran geglaubt hatte. Nein: Nichts wird. Nichts geht von allein. Ich kann das alles nur selbst wieder hinbekommen. Mit mir und meiner Kraft. Und ja: Ich werde es hinbekommen. Aber der Weg dorthin ist extrem lang und mühselig. Und: Mein Weg zurück ist ein anderer als die letzten Male.

Ich habe mich schon so oft nach Verletzungen zurückgekämpft. Ich war so oft am Boden und bin wieder aufgestanden. Ich würde behaupten, ich bin trotz meiner noch nicht allzu langen Karriere schon recht geübt in Comebacks. Aber das hier war keine Verletzung. Das war nichts, was kaputt gegangen ist und nach einer gewissen Zeit wieder zusammenheilt, wenn man nur lang genug Geduld hat. Das war und ist noch immer eine gesundheitliche Beeinträchtigung, die nicht von heute auf morgen verschwindet. Es war eine Beeinträchtigung, die anfangs sicherlich rein physischer Natur war, aber mit der Zeit definitiv auch zu einer komplexen physisch-psychischen Teufelsmischung geworden ist, für die es kein einfaches Heilmittel gibt. Das kann und will ich nicht leugnen. Das zermürbende Abwarten, nicht Wissen warum, inständige Hoffen und immer wieder enttäuscht werden hat mich mental fertig gemacht. Jeder Mensch, der irgendwann einmal so lange das entbehren musste, was ihm wirklich Freude bereitet, was ihn frei und glücklich macht, wird verstehen, was ich meine.

Und ja: Natürlich hatte ich in dieser Zeit selbstverständlich andere Dinge, die mich glücklich gemacht hätten. Ich habe die besten Freunde, eine kleine liebevolle Familie, die mich aufgefangen hat, ein eigenes Magazin, literarische Projekte, mein Studium, eben kleine und große Dinge, mit denen man sich viel mehr ablenken und sich daran erfreuen hätte können. Hätte, hätte… Ich habe es nicht zugelassen . Ich konnte nicht, weil eine Sache alles andere so tief und dunkel überschattet hat: Die Tatsache, dass ich nicht laufen konnte. Dass immer wieder neue Rückschläge dazu kamen. Dass ich es einfach nicht hinbekommen habe, wieder ins Marathontraining zurückzukehren. Und dass ich mir selbst dafür die Schuld gab und mich selbst immer tiefer ins Loch gezogen habe.

Im April habe ich mich schließlich dazu entschlossen, radikal alle Medikamente abzusetzen. Ich wollte mich endlich wieder wohl in meinem Körper fühlen, so wie er ist. Ich wollte nicht mehr das Produkt irgendwelcher von außen zugeführter Dinge sein. Und so ehrlich muss ich sein: Ich war so verzweifelt und gleichzeitig so überzeugt von dieser Idee, dass ich noch nicht mal jemanden um medizinischen Rat fragte. Ich machte es einfach.

Ob es klug war, weiß ich bis heute nicht. Denn ich hatte auch danach noch einige Probleme. Gerade kurz nach dem Absetzen der Allergie-Medikamente war ich noch immer sehr anfällig für Infektionen. Ich hatte drei Wochen lang Scharlach, eine Kinderkrankheit, die bei Erwachsenen normalerweise nicht gravierend ist, dazu kamen regelmäßige Erkältungen, Fieber, dann wieder eine Augenentzündung, irgendwann erwischte ich sogar einen bakteriellen und einen viralen Infekt gleichzeitig. Ich nahm alles mit, was an der Infektions-Theke so im Angebot war, weil mein Immunsystem von den Strapazen der vergangenen Monate noch extrem geschwächt war. Und doch kann ich sagen, dass es dann irgendwann stetig bergauf ging:

Ich fand zusammen mit meiner Physiotherapeutin Anke einen Weg, die Darmprobleme besser in den Griff zu kriegen. Man kann sich das so vorstellen, dass der Darm bei den meisten Menschen seinen festen Platz hat und bei mir bewegt er sich eben immer ein bisschen durch die Gegend – ganz grob ausgedrückt. Dadurch entstehen regelmäßig kleinere Knoten oder Engstellen, Vorstufen oder im schlimmsten Fall eben ein kompletter Verschluss, der sowohl die Blutversorgung als auch den Abtransport von Abfallprodukten der Muskeln wie etwa Laktat beeinträchtigen kann. Manuell lässt sich aber scheinbar bei mir einiges erreichen. Jedenfalls verbessert Physiotherapie in diesem Bereich die Regeneration nach Laufeinheiten tatsächlich um ein Vielfaches, wenn ich mich wieder einmal unverhältnismäßig schwach fühle.

Ich habe auch gelernt, mit den Allergien umzugehen. Mein Körper ist außerdem endlich wieder resistenter gegen Keime: Seit Mai hatte ich keine durch Infektionskrankheiten hervorgerufenen Beeinträchtigungen mehr.

Aber man muss trotz all dem realistisch bleiben und ich mache mir nichts vor: Ich bin sehr, sehr weit davon entfernt, an das anzuknüpfen, wo ich im März 2018 auf dem Düsseldorfer Kaiser-Friedrich-Ring stehen geblieben bin. Und ich möchte kein falsches Bild erwecken: Natürlich ist es mein Wunsch, irgendwann einmal wieder dieses Niveau zu erreichen. Ich träume davon jeden Tag.

Zwischen Realismus und Zufriedenheit

Aber wie ich es nun schon habe anklingen lassen: Mein Weg dorthin sieht nun anders aus. Ich habe in den letzten Monaten lange genug versucht, wieder in das geregelte Lauftraining einzusteigen. Selbstverständlich ganz behutsam mit langsam gesteigerten Geschwindigkeiten, geringen Umfängen. Ich habe oft genug in meiner Karriere das Wiedereinstiegstraining übertrieben, um zu wissen, dass das nichts bringt.

Und trotzdem bin ich sehr schnell an Grenzen gestoßen. Tägliches Laufen macht der Körper nicht mit. Ich bin nicht in der Lage, so viele Laufkilometer zu absolvieren, wie sie für eine gute, selbst für eine „abgespeckte“, betont alternativ gestaltete, Marathon- und Halbmarathonvorbereitung nötig wären. Ich weiß, dass das geht. Ich weiß, dass das auch andere Athleten so praktizieren. Aber irgendwann muss man trotzdem „auf die Beine“ kommen. Und das gelingt mir seit über einem Jahr nicht.

Ich bin in manchen Wochen schon wieder sehr häufig gelaufen, habe motiviert die ersten drei Trainingstage ohne Probleme durchgezogen, dann aber wenig später die Quittung dafür bekommen. Dann ging wieder tagelang nichts: Ich bekam Muskelentzündungen, Schmerzen und war darauf angewiesen, wieder bis zu fünf Tage lang komplett zu pausieren, weil der Körper, vor allem die Beine einfach Zeit brauchten. Wer in diesem Zustand ernsthaft glaubt, eine „ansprechende“ Leistung im Marathon zu bringen, ist in meinen Augen weltfremd.

Ich war definitiv nicht diejenige, die in ihre besten Zeiten riesige Umfänge abgespult hätte. Selbst zu meinen besten Zeiten galt für mich schon die Devise „weniger ist mehr“. Aber selbst dieses „weniger“ beinhaltete doch sechs Laufeinheiten pro Woche. Momentan erreiche ich nicht ansatzweise die 100-Wochenkilometer-Grenze. Aber ich trainiere trotzdem weiter. Weil ich es liebe.

Ich bin außerdem nach wie vor auf dem Rad und in der Schwimmhalle zu finden. Ich habe ja immer noch Freude am Sport und der Bewegung. Ich liebe es, mich zu verausgaben. Ich habe immer noch einen Ehrgeiz, den Willen, etwas zu erreichen. Ich will nur nicht weiter auf unbestimmte Zeit abwarten, bis mein Körper vielleicht irgendwann wieder in der Lage sein sollte, mehr zu laufen. Das macht mich unglücklich. Und ich habe keine Lust mehr darauf, unglücklich zu sein.

Ich habe stattdessen viel darüber nachgedacht, was mich glücklich macht. Ob ich vielleicht nicht ohne Sport, aber vielleicht ja ohne Leistungssport zufrieden sein kann. Ob ich mir einfach zu viel Druck mache, gut sein zu müssen. Aber das Problem ist nicht der Vergleich oder der Konkurrenzkampf mit anderen. Ich muss zu allererst in der Lage sein, mich selbst und meinen Körper so zu akzeptieren, wie er nun einmal ist. Für mich hängen seelische und körperliche Gesundheit untrennbar zusammen.

Das Schöne: Ich fühle mich aktuell definitiv mehr gesund als krank. Weil ich wieder Sport machen kann. Vielleicht nicht hundertprozentig so, wie ich es mir wünschen würde, aber ich bin trotzdem glücklich dabei. Was das vergangene Jahr mit mir und meiner Einstellung gegenüber dem Leben, der Bewegung und Zielen gemacht hat, die man sich setzt und dann mehr oder weniger unverschuldet niemals erreichen wird, habe ich festgehalten, aufgeschrieben und wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist, will ich diese Gedanken vielleicht auch öffentlich machen. Dieses Projekt existiert schon seit Anfang des Jahres, bedarf aber für mich selbst aktuell noch der Aufarbeitung einiger Erlebnisse und Erfahrungen der vergangenen Monate, die eben nicht spurlos an mir vorbeigegangen sind. Womit wir wieder am Anfang wären: Erfahrungen, ob positiv oder negativ, machen uns zu dem, was wir sind.

Zwischen Comeback und Newcomerin

Was bin ich denn nun eigentlich? Gescheitert? Eine Sportlerin, die aufgibt. Nein.

Ich mache weiter, mit ein bisschen neu gewonnener Motivation, ein bisschen Trotz und Jetzt-Erst-Recht und ein bisschen gesundem Optimismus, den ich mir in den vergangenen Monaten hart erarbeiten musste. Am besten ließe sich meine Situation mit der Zeile eines Songs beschreiben, der so etwas wie der Soundtrack meiner letzten sechs, sieben Monate war. Der Text von „No, I’m not down“ passt wie die Faust aufs Auge. Es heißt dort „a sensitive soul with a Molotov grin“ – und ich bin ziemlich genau das: Ich habe unter dem, was im vergangenen Jahr geschehen ist, definitiv gelitten. Vielleicht mehr als es andere getan hätten, weil ich einfach eine „Zerdenkerin“ bin. Aber ich kann noch lachen, wieder lachen, sogar über mich selbst. Es ist ein bittersüßes Lachen, aber immerhin ein Lachen. Denn ich habe nach wie vor große Ziele in der Zukunft, auf die ich so verdammt viel Bock habe. Hey, ich bin 23 – was habe ich denn bitte zu verlieren?

Ich werde mein Training nun auf Triathlon ausrichten. Denn ich liebe es, nach wie vor an meine Grenzen zu gehen, diese nach oben zu verschieben, jeden Tag ein bisschen besser zu werden und vielleicht irgendwann mein Comeback als Newcomerin zu geben. Ich weiß aus den vergangenen Monaten, dass ich mit dieser Form des Trainings meiner Gesundheit einen großen Gefallen tun werde, weil ich das kompensieren kann, was mir beim reinen Lauftraining sonst zum Verhängnis werden würde. Stattdessen kann ich die gezwungenermaßen verlängerte Regenerationszeit nach Laufeinheiten nutzen, um meinen Körper in anderer Weise zu belasten und gleichzeitig die beanspruchte Muskulatur etwas zu entlasten.

So klingt das Ganze in der Theorie. Wie es in der Praxis aussehen wird, muss die Zeit zeigen. Was sportliche Selbsteinschätzung betrifft, neige ich – wie gesagt – dazu, tendenziell eher tief als hoch zu stapeln. Aber ich verspreche so viel: Ich werde mein Bestes geben. Ich habe unglaublich viel Lust drauf und ich möchte auch gern all diejenigen auf meine Reise mitnehmen, die sich dafür ernsthaft interessieren.

Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich mehr so der Typ bin, der unabsichtlich ein paar Umwege nimmt, weil ich viel zu unkonzentriert bin, um geradeaus zu gehen. Ich bin deshalb auch schon selbst ziemlich gespannt, was alles in den nächsten Monaten passieren wird, denn langweilig wird es bestimmt nicht: Wie geschickt oder ungeschickt werde ich mich anstellen? Brauche ich drei oder zehn Jahre bis zur ersten Langdistanz ? Komme ich vielleicht irgendwann sogar wieder an meine alte Laufform heran?

Ich kann es eigentlich schon gar nicht mehr erwarten, das alles selbst herauszufinden. Ich freue mich auf jedes Training, jeden einzelnen Kilometer – egal ob ich ihn laufend, radfahrend oder im Wasser zurücklege. Und ich freue mich über jeden einzelnen, der mich weiterhin auf meinem Weg begleitet. Über jeden, der mich unterstützt. Über jeden, der mir Worte zukommen lässt oder der einfach als stiller Zuhörer all das über sich ergehen lässt, was ich so an Blödsinn ich so tagtäglich über soziale Medien von mir gebe. Ich habe eine kleine, aber extrem coole Community, die mir tagtäglich so viel positive Energie zukommen lässt, dass mir eigentlich gar nichts anderes übrig bliebe, als ununterbrochen breit zu grinsen.

Noch vor einem Jahr hätte ich Rotz und Wasser geheult, wenn ich alle diese Zeilen hier gelesen hätte. Und ehrlich gesagt hatte ich auch jetzt beim Schreiben an der ein oder anderen Stelle zumindest ein kleines bisschen Pipi in den Augen. Aber vor allem deshalb, weil das hier auch in gewisser Weise ein Befreiungsschlag für mich ist.

Meine Entscheidung hat ein gutes Jahr gebraucht, um zu reifen. Ich habe unglaublich lange Zeit darauf verwendet – und ich sage ganz bewusst nicht verschwendet – mich selbst davon zu überzeugen, dass sie dieser Entschluss der einzig Richtige ist. Für mich bedeutet das ein Stück Freiheit fürs Köpfchen, das schon ziemlich unter dem gelitten hat unter dem, was mir so in den letzte eineinhalb Jahren widerfahren ist. Denn es ist eben verdammt nochmal nicht leicht, mit etwas vorzeitig abzuschließen, wenn man eigentlich noch Pläne und Ziele hatte.  Aber mein Alltag, mein tägliches Leben wird mir dadurch um einen großen Brocken Sorgen ärmer. Selbst wenn ich weiß, dass es nun erst einmal finanziell ganz schön brenzlig wird, wenn ich nächstes Jahr in keinen Kader mehr berufen werde. Keine Sporthilfe mehr bekomme. Kein Stipendium. Ich muss von vorne anfangen.

Aber das, was mich antreibt, ist in allererster Linie der Wunsch, uneingeschränkt und unabhängig von einer chronischen Erkrankung leben zu können. Ach was nenne ich es überhaupt Erkrankung – mein Darm ist halt ein bisschen mobiler unterwegs als der von anderen. Ich darf nur nicht durch die dadurch verbundenen Einschränkungen versuchen, die zu sein, die ich bis März 2018 war. Ich bin nur leider einfach ein Mensch, der viel über so etwas nachdenkt. Zu viel. A sensitive soul with a Molotov grin.

Zwischen Vorhaben und Versprechen

An dieser Stelle möchte ich mich auch zu guter Letzt noch bei einigen Menschen bedanken, die im vergangenen Jahr viel für mich getan haben, ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten.  Ich will mich bedanken bei meiner Freundin Mira, die im vergangenen Jahr regelmäßig zur richtigen Zeit die richtigen Worte gefunden und die richtigen Fragen gestellt hat. Ich will mich bedanken bei meinem Trainer Kurt Ring, der wie schon so oft in meiner sportlichen Karriere nicht die Hand nach mir ausstrecken musste, weil er sie noch nie losgelassen hat, seit ich sie ihm als fünfzehnjähriges Mädchen gegeben habe. Bei dem ich noch immer willkommen bin, weil wir ein starkes Team sind, das schon andere, scheinbar unüberwindbare Hürden gemeistert hat, die andere Menschen aber niemals sehen werden, weil bei Erfolgen eben immer nur die Spitze eines Eisbergs hervorragt. Ich will mich bedanken bei meinem Manager Christoph Kopp, der mit seinem Team seit 2016 einen großartigen Job gemacht hat und mich dabei unterstützt hat, all die schönen Höhepunkte meiner kleinen, aber feinen Läuferkarriere zu erreichen. Ich will mich zuletzt bei allen bedanken, die ich stolz als meine Familie bezeichnen darf, die hinter mir steht und auf mich aufpasst – weil das bei mir leider regelmäßig sehr nötig ist.

Vielleicht sei so viel noch abschließend gesagt: Ich bin ganz bestimmt nicht verschwunden aus dem Laufzirkus. Ich kann ja laufen – nur eben nicht so, wie ich es gern würde. Ich werde weiterhin laufen, weiterhin an meiner Form arbeiten und vielleicht ja auch ab und an ein schönes Rennen absolvieren. Das wird die Zeit und mein körperlicher Zustand zeigen. Ich setzte mich keinem Druck mehr aus und will nur das tun, was das Richtige für meine Gesundheit ist. Wie es bei Leistungssportlern so ist: Vornehmen kann man sich viel. Versichern leider nicht.

Nur diese eine Sache verspreche ich euch: Aus der Welt bin ich nicht. So schnell wird man mich nämlich nicht los. 😊

Eure Franzi

Comeback als Newcomerin2

Bless your heart but your soul’s declined / Find a wall that we can climb / My body shakes to it’s fingertips / A sensitive soul with a Molotov grin / Fake a fall in the freezin‘ snow / Who’s the bravest idiot you know? / My arms felt numb and my brain is slowin‘ / My heart has smashed / But more than that /My back’s against the wall / This is between me and God / Our future’s lookin‘ colder / With no one else around.

(Biffy Clyro – No I’m Not Down)