Wenn die Beine operationsbedingt für eine gewisse Zeit stillhalten müssen, ist es mit der selbstständigen Fortbewegung nicht immer ganz einfach. In der letzten Woche habe ich aber ein sehr probates Ersatzmittel angewendet, das es mir ermöglicht, mehr oder weniger problemlos und immer auf dem schnellstmöglichen Weg überall dorthin zu kommen, wonach mir gerade der Sinn steht …

Dass ich ein absoluter Sturschädel bin, darüber sind sich mein Trainer und mein Freund schon immer einig. Wie oft habe ich mir schon anhören müssen, ich solle nicht ständig mit dem Kopf durch die Wand gehen und alles auf Biegen und Brechen durchziehen, ohne dabei auf diejenigen zu hören, die es vielleicht sogar besser wissen als ich.

Und selbstverständlich habe ich diesen Vorwurf noch nie gern auf mir sitzen lassen. Natürlich lasse ich mit mir diskutieren. Natürlich höre ich auf gut gemeinte Ratschläge. Und natürlich lasse ich mich auch mal von einer anderen Meinung überzeugen. Da neigen meine zwei Herren doch sehr zu Übertreibungen, oder?
Seit einigen Tagen bin ich mir da gar nicht mehr so sicher…

Angefangen hat es am Donnerstag, ein paar Stunden nach meiner Operation. Ich hatte den Eingriff gut überstanden, war schon bald wieder aus der Narkose erwacht und fühlte mich großartig. Ich war bester Laune, plauderte fröhlich im Aufwachraum mit Krankenschwestern und anderen Patienten, ob sie wollten oder nicht. Zurück auf meinem Stationszimmer ließ ich mir dann auch gleich mein Handy geben, begann eifrig zu telefonieren und Sprachmemos zu verschicken (beim Eintippen der Nachrichten sah ich irgendwie alle Buchstaben doppelt), musste allerdings regelmäßig kurz unterbrechen, da ich immer wieder für ein paar Minuten einschlief.

Nicht nur sprichwörtlich ans Bett gefesselt...

Nicht nur sprichwörtlich ans Bett gefesselt…

Irgendwann wachte ich allerdings mit einem schrecklich unangenehmen Gefühl auf: Ich musste auf die Toilette. Nur wie sollte ich dorthin kommen? Mein operiertes Bein steckte eingebunden in einem dicken Vacoped-Schuh, an dem noch dazu eine Drainage mit Wundsekret baumelte. Von Blut, gerade wenn es mein eigenes ist, wird mir ja in normalem Zustand schon schlecht. Zu allem Überfluss steckte aber auch noch eine Kanüle in meiner linken Hand, an die wiederum eine Infusionsflasche angesteckt war. Mittlerweile fühlte sich das alles gar nicht mehr so toll an wie noch vor einer halben Stunde.

Dickschädel an Franzi: Egal, jetzt geh schon aufs Klo! Oder willst du dir in die Hose machen?

Nein, das wollte ich nicht. Und deshalb versuchte ich, mich ganz nah an den Rand meines Bettes zu manövrieren und irgendwie mit meinem Bein, in dem ich noch gar kein richtiges Gefühl hatte, auf den Boden zu steigen. Die Infusionsflasche nahm ich dazu aus ihrer Halterung und klemmte mir den Katheter zwischen die Zähne. Meine Hände brauchte ich ja schließlich, um mich vom Bett über den Stuhl hinüber zur Zimmerwand zu hangeln und mich daran Zentimeter um Zentimeter in Richtung Bad entlang zu hangeln. Wackelig ist kein Ausdruck für das, was ich veranstaltete. Nach etwa zehn Minuten saß ich aber tatsächlich schnaufend und schweißgebadet auf dem WC. Halleluja! Einiziges Problem? Das Ganze wieder zurückschaffen. Mir war mittlerweile schon richtig schlecht und ich hatte Angst, mir könnte jederzeit schwarz vor Augen werden.

Dickschädel an Franzi: Du rufst jetzt nicht die Krankenschwester, untersteh dich! Oder willst du jetzt schon aufgeben?

Irgendwann habe ich es doch mit eigener Kraft zurück ins Bett geschafft

Irgendwann habe ich es doch mit eigener Kraft zurück ins Bett geschafft

Nein, das durfte ich auf gar keinen Fall. Und so kämpfte ich mich tapfer zurück in mein Bett, wo ich erschöpft liegenblieb, bis keine Viertelstunde später der Arzt zur Mittagsvisite vor mir stand. Er staunte nicht schlecht, ich glaube, er war sogar ein bisschen sauer, dass ich meinen ersten Mobilisierungsversuch ohne Aufsicht, geschweige denn mit Hilfe von einer der Schwestern unternommen hatte. Sofort ließ er mir einen WC-Stuhl ans Bett stellen, mit dem ich mich von nun an fortbewegen sollte, um weitere Kunststücke dieser Art zu unterbinden. Der schwarze Rollstuhl mit diesem Loch in der Mitte und ich, wir wurden während meines Krankenhausaufenthalts keine sonderlich guten Freunde. „Das hilft nichts, Sie dürfen das Bein eben nicht belasten“, lautete die wenig verständnisvolle Antwort des Arztes, „Sie werden die Tage mit der Physiotherapeutin langsam das Gehen auf Krücken üben und wenn alles gut geht, können wir Sie dann am Montagvormittag entlassen.“

Dickschädel an Franzi: Von wegen Montag! Du bist ganz bestimmt morgen Abend raus hier! Oder willst du für immer im Krankenhaus verschimmeln?

Endlich Freiheit - breites Grinsen auf der Autofahrt nach Neuss

Endlich Freiheit – breites Grinsen auf der Autofahrt nach Neuss

Nein, davor graute es mir wirklich sehr. Und so fühlte sich der arme Chefarzt Professor Stöckle, der mich am frühen Abend noch kurz besuchen kam, wohl ein bisschen überrumpelt, als ich begann, ihn überfallartig davon zu überzeugen, dass ich mich schon wieder blendender Gesundheit erfreute. Ich bearbeitete ihn so lange, bis er mir versicherte, dass ich spätestens Samstagfrüh, vielleicht aber auch schon Freitagabend das Krankenhaus verlassen dürfte. Je nach dem, was die Physiotherapeutin zu meinen Gehversuchen sagen würde. Sehr schön. Schließlich wollte ich freitags schon in Neuss zum großen internationalen ASICS Team Meeting sein. Und wo ein Wille, da ein Weg: In Neuss wartete nicht nur ein buntes Programm voller Ablenkung, sondern auch ein ganz einfaches Hotelbett auf mich. Kaum zu glauben, wie angenehm das war. Kein Einhaltegriff über dem Kopf, keine Räder, kein Patientenname, kurz: Ich fühlte mich endlich nicht mehr wie ein Pflegefall. Besser habe ich zwar trotzdem nicht geschlafen, doch das lag einzig und allein an dem fürchterlich unbequemen Vacoped-Stiefel, den ich nicht einmal nachts ausziehen durfte. Oder sagten wir gedurft hätte.

Dickschädel an Franzi (schlafend): Dieser verdammte Schuh tut höllisch weh, zieh ihn aus! Oder willst du vor Schmerzen kein Auge mehr zutun?

Nach der kleinen Wanderung braucht der Fuß erst mal ein bisschen Ruhe

Nach der kleinen Wanderung braucht der Fuß erst mal ein bisschen Ruhe

Ich weiß wirklich nicht, wann oder wie ich das geschafft habe. Jedenfalls bin ich in den Nächten nach dem Krankenhausaufenthalt mehrfach aufgewacht und mein Bein befand sich nicht mehr in, sondern neben dem Plastikstiefel. Ich muss ihn also wirklich irgendwie im Halbschlaf ausgezogen haben, und das ohne mich am nächsten Morgen daran erinnern zu können. Tagsüber ließ ich das Bein natürlich ganz brav in seinem unbequemen Gehäuse und die Krücken taten ihr Übriges. Wie sollte das nur die nächsten vier Wochen werden? Das Angebot meiner ASICS-Kollegen, mich mit dem Auto zum fußläufig entfernten Neusser Sommernachtslauf zu fahren, war natürlich lieb gemeint. Überhaupt sorgten sich ja von Beginn an wirklich alle sehr rühren um mich.

Dickschädel an Franzi: Von wegen Auto-Shuttle, du gehst zu Fuß! Oder willst du jetzt nach der OP komplett einrosten und dich nicht mehr bewegen?

Nein, ich hatte tatsächlich nach zwei Tagen ununterbrochenem Stillliegen das große Bedürfnis mich in irgendeiner Weise körperlich wenigstens zu betätigen, wenn ich mich schon nicht anstrengen durfte. Ich lehnte die Taxi-Option also dankend ab. Die anderen auf ihrem Weg in die Neusser Innenstadt zu begleiten war für mich ja immerhin eine Form der Teilnahme an den „normalen“ Betätigungen der „Unversehrten“. Gut, nach etwa einem Kilometer war ich dann nicht mehr ganz so redselig war wie all die anderen und konzentrierte mich eher aufs die nächsten Schritte über das Kopfsteinpflaster. In den nächsten Tagen folgten noch viele weitere Herausforderungen über diverse Untergründe. Vom glitschigen Fliesenboden im Freibad (ja, man kann da auch hingehen, wenn man nicht ins Wasser darf) über den lockeren Ackerboden auf dem Erdbeerfeld war wirklich alles dabei. Als ich dort am Donnerstagvormittag aufkreuzte, meinte die Dame an der Kasse zunächst, ich wolle wohl nur warten, bis mein Freund gepflückt hätte. „Sie bleiben solange hier mit Ihren Krücken?“

Dickschädel an Franzi: Von wegen! Ab auf’s Feld mit dir! Oder willst du dir die besten Erdbeeren entgehen lassen?

Nein, definitiv nicht. Auch wenn es praktischere Dinge gibt, als mit Krücken Erdbeeren zu pflücken: Ich habe die Entscheidung garantiert nicht bereut. Denn jetzt ist schließlich Beeren-Hochsaison und wenn ich mir gerade schon die Glückshormone durch die Lappen gehen, die ich sonst beim Laufen in der Sonne ausschütte, will ich wenigstens nicht auch noch auf alles andere verzichten, was der Sommer so Schönes zu bieten hat. Mag sein, dass mich meine Beine in gesundem Zustand uneinholbar viele Kilometer weiter tragen können, aber ich habe festgestellt, dass mich mein Dickkopf auch bei deren operationsbedingtem Dienstausfall an erstaunlich viele Orte bringen kann. Man muss es eben nur wollen.

In diesem Sinne: Hals- und Beinbruch, aber stets erhobenen Hauptes,
Eure Franzi 🙂

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