Alles im grünen Bereich?
Das war die Frage, die man sich vor meinem ersten Marathon am 29. Oktober öfter als nur einmal stellen konnte.
Wie unterschiedlich die Antwort drauf ausgefallen wäre, warum man mich zeitweise am liebsten in meiner Wohnung eingesperrt hätte und weshalb ich schließlich in der Nacht vor dem Rennen völlig aufgelöst am Rande eines Nervenzusammenbruchs stand, könnt ihr hier lesen.
Viel Spaß!

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Foto: 34motion

„Franzi, du darfst dich nicht immer gleich so aufregen!“
Mein Trainer sieht ein bisschen verzweifelt aus. Eigentlich war mein Abschlusstraining vor dem Frankfurt Marathon gar nicht so schlecht verlaufen. Dafür, dass ich am Wochenende noch krank im Bett gelegen war und erst am Anfang der Woche wieder die ersten vorsichtigen Laufschritte wagen konnte, durfte man sich wahrlich nicht beschweren.
Doch dann hatten mir die Jungs neben dem Sportplatz einen Strich durch die Rechnung gemacht und mich bei meinem Abschlusstraining mit ihren Basketbällen im wahrsten Sinne des Wortes aus der Bahn geworfen.
Anstatt souverän ein Pokerface aufzusetzen, die unerwarteten Hindernisse zu ignorieren und stur weiterzulaufen, war ich natürlich erstmal stehen geblieben und hatte angefangen, ihre halbstarken Besitzer lauthals zu beschimpfen. Typisch Franzi. Typisch Dramaqueen.
Danach lief ich nicht mehr ruhig und konstant wie zuvor, sondern völlig verkrampft und unkonzentriert. Ich fand einfach nicht mehr in den Laufschritt zurück und das wegen ein paar Teenies, die beim Dribbeln nicht richtig aufpassen.

„Jammer nicht mehr rum!“
„Du musst deine Energie nicht auf sowas verschwenden!“
„Jetzt heißt es Kraft tanken!“
„Gib dem Körper Ruhe!“, heißt es von allen Seiten. Plötzlich ist jeder in meiner Umgebung Marathon-Experte und musst mich beraten. Als ob ich noch total grün um die Nase wäre, was eine Wettkampfvorbereitung betraf. Pah!
Auf das Grün werde ich zwar nochmal zurückkommen müssen, aber dazu später mehr.
Denn im Moment herrscht natürlich trotz des verkorksten Abschlusslaufes vorwiegend große Erleichterung, dass mein Körper den Infekt doch noch einigermaßen in den Griff bekommen hat. Lediglich Schnupfen und verschleimter Hals halten sich hartnäckig, alles andere scheint dagegen weitestgehend wieder im Lot.
Mich beschleicht das Gefühl, am liebsten würde man mich für die nächsten Tage einfach in meine Wohnung einsperren, um meine Gesundheit nicht nochmal auf’s Spiel zu setzen. Nach dem Motto: Das ist der einzige Ort, an dem die Dramaqueen in Sicherheit ist.

© Teddy Morellec / La Clef

Foto: Teddy Morellec

Aber es gibt nun mal sehr essentielle Dinge in meinem Leben, wie zum Beispiel Physiotherapie, durch die ich wohl oder übel dazu gezwungen bin, mich den Gefahren der Zivilisation auszusetzen. Und wenn ich schon mal dabei bin, kann ich ja auch gleich noch Einkaufen gehen. Achtung! Bazillen-Risiko! Viren-Alarm! Ansteckungsgefahr! Ich weiß, ich weiß.
Aber mir fehlt eben noch meine Ration Red Bull für den Marathon. Am besten schmeckt mir die grüne Sonderedition: Apfel-Kiwi. Mmmh!

Am Freitag ist dann auch die allerletzte Risikophase erfolgreich überstanden: Es geht endlich los nach Frankfurt.
Dass eine solche Autofahrt mit mir ganz schön anstrengend sein kann, liegt daran, dass ich nicht lange stillsitzen kann, ständig aufs Klo muss, aus Langeweile zu singen beginne oder im schlimmsten Fall alle drei Sachen auf einmal.
Erst als ich endlich den Zimmerschlüssel in Händen halte, bin ich wieder einigermaßen erträglich gestimmt. Vielleicht liegt es aber auch an den leckeren Brause-Bonbons, die es an der Hotel-Rezeption gibt. Am besten schmecken mir übrigens die Grünen.

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Foto: 34motion

Ab jetzt beginnt das große Abwarten in Kombination mit ein paar restlichen Rennvorbereitungen, die dafür sorgen, dass man innerlich von Stunde zu Stunde aufgewühlter wird.
Da hilft es dann nicht unbedingt weiter, wenn am Vortag des Marathons die GPS-Uhr versagt, obwohl man sie auf der Messe eigentlich zur Reparatur gegeben hat.
Da hilft es auch nicht unbedingt weiter, wenn man feststellen muss, dass die eigenen Ärmchen zu dünn für die vorgesehenen Armstulpen sind und man mithilfe von einem Hotel-Nähset versuchen muss zu retten, was zu retten ist.
Und da hilft es erst recht nicht weiter, wenn man nach dem letzten Abendessen auf das Hotelzimmer zurückkehrt, eigentlich schön zeitig ins Bett gehen will und dann das: Meine Schlafsachen sind verschwunden.
Das graue Oberteil und die Unterhose, die ich extra für die Nacht vorbereitet habe, sind weg.
Das wäre ja alles nicht so schlimm, wenn es sich dabei nicht ausgerechnet um meine Glücks-Unterhose handeln würde, die ich in der Nacht vor Wettkämpfen trage.
Ja, ich habe eine Glücks-Unterhose. Nein, das ist nicht dämlich, das hilft. Wirklich!
Wir stellen also das gesamte Zimmer auf den Kopf, durchsuchen jeden Winkel und rufen verzweifelt bei der Rezeption an.
Nein, es wurde nichts gefunden. Die Zimmerfrau geht extra noch einmal in den Waschkeller, um nachzusehen, ob etwas zwischen Bettlaken oder Kissenbezügen ausversehen von den Zimmermädchen mitgenommen wurde. Um halb zwölf dann die ernüchternde Botschaft: Nichts gefunden. Ich muss wohl mit einem anderen Schlaf-Outfit Vorlieb nehmen.
Fassungslos sitze ich auf der Bettkante und bin kurz davor, in Tränen auszubrechen. Ausgerechnet heute!

„Franzi, du darfst dich nicht immer gleich so aufregen!“ Mein Freund sieht ein bisschen verzweifelt aus. Wie mein Trainer nach dem Abschlusstraining. Es ist mein großes Talent, aus Kleinigkeiten ein Drama zu machen. Aber es ist eben auch wirklich eine sehr sehr wichtige Unterhose.
Als hätte sie es geahnt, hat mir meine Vereinskollegin Anja Scherl vorsorglich eine Packung Beruhigungs-Tee mitgegeben. Doch selbst der will gerade nicht seine Wirkung tun.
Nur unter gutem Zureden entscheide ich mich wiederwillig für ein anderes Unterhosen-Exemplar, schmolle beim Zähneputzen noch ein wenig herum und verkrieche mich dann enttäuscht unter die Decke. Wenn ich jetzt nicht schlafen kann, weiß ich genau, woran es liegt.

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Foto: 34motions

Als der Wecker am nächsten Morgen um halb sechs klingelt, bin ich jedenfalls schon längst wach und springe förmlich aus dem Bett. Na immerhin fühlen sich die Beine dabei gut an.
Nach zehn Minuten duschen verlasse ich dampfend das Bad und beginne, in aller Seelenruhe Taschen zu packen, Sachen hin und her zu räumen, alle Rennutensilien nochmals zu kontrollieren.
Beim Frühstück vertilge ich gierig den weltbesten Rosinenzopf, den meine herzensgute Freundin Mira extra für mich gebacken hat. Vor Wettkämpfen kann ich nämlich sehr sehr viel essen. Wenn ich nervös bin, bekomme ich riesigen Appetit.
Und ein bisschen Nervosität schadet bestimmt nicht. Bloß panisch werden sollte ich nicht. Also ruhig Blut, Franzi.
Nicht aufregen über den Wind, der draußen wie verrückt weht.
Nicht aufregen über das chaotische Treiben, das in der Hotellobby vor dem Aufbruch an die Rennstrecke herrscht.
Nicht aufregen über die Schlange vor den Dixieklos. Du wirst es noch rechtzeitig zum Start schaffen. Ich setze meine Köpfhörer auf und höre Musik von Scooter. Das war schon immer die beste Therapie.

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Foto: 34motion

Was dann die nächsten Stunden passiert, erlebe ich dann tatsächlich wie in Trance. Die Erinnerungen daran sind so blass, dass es mir vorkommt wie etwas, das ich schon vor vielen Jahren erlebt habe. Nicht vor einer Woche:
Das Rennen startet, ich fühle mich großartig. Das Laufen macht unglaublichen Spaß und ich genieße es in vollen Zügen. Bis mich plötzlich ein Sturz aus dem Rhythmus herausreißt und meinen Lauf durch eine schmerzvolle Landung unterbricht.
Da lieg ich nun auf dem Kopfsteinpflaster. Auf meiner rechten Seite tut es höllisch weh und über mich laufen unzählige Beine drüber. Ich fange erst einmal an zu schreien.
Zum Glück ist da jemand, der stehenbleibt, mir seine Hand entgegenstreckt und aufhilft. Gemeinsam versuchen wir, so schnell wie möglich wieder Anschluss an unsere Gruppe zu bekommen. Währenddessen schimpfe ich noch ein bisschen weiter, reiße mir wütend die Startnummer ab, die schief an meinem Rücken schlackert und rücke die verrutschten Armlinge zurecht. Wenigstens hat die Konstruktion der Änderungsschneiderei Franzi gehalten.
Zu meiner eigenen Verwunderung habe ich mich dann aber schnell wieder beruhigt. Was kann ich jetzt anderes tun als akzeptieren wie es ist. Verdrängen. Weiterlaufen. Adrenalin ist ein tolles Hormon.
Und wirkt wie die beste Schmerztablette. Nur leider nicht besonders lang. Kurz vor der 20-Kilometer-Marke bekomme ich die Folgen deswegen immer drastischer zu spüren.
Der Beckenknochen pocht, ich muss eine Ausgleichsbewegung machen. Das linke Knie wird taub.
Bei Kilometer 25 will ich aussteigen. Am besten an der Verpflegungsstation. Da wartet mein Begleitradfahrer Marco Scherl, er wird mich irgendwie in Sicherheit bringen. Alles tut so weh.
Aber dann muss ich an meine Trainer denken, an meine Eltern, an Mira, an meinen Freund. Sie alle fiebern mit. Sie alle wollen mich in der Festhalle begrüßen. Und ich hab doch schon mehr als die Hälfte. Es ist ein Kampf gegen mich selbst. Herz gegen Verstand. Rationales gegen emotionales Denken. Es ist das Härteste, was ich in meinem Leben bisher gemacht habe. Aber ich rette mich ins Ziel. Das Herz hat gewonnen. Und deswegen ist die Dramaqueen für den Augenblick erst mal viel zu erschöpft, um sich über irgendetwas aufzuregen.

© Teddy Morellec / La Clef

Foto: Teddy Morellec

Nachdem ich einige Zeit später mit Hilfe meiner Trainer im Schneckentempo endlich das Ende des scheinbar endlos langen Finisher-Areals erreicht habe, sehe ich, dass mein Papa am Ausgangstor auf mich gewartet hat. Er kommt eilig auf unsere kleine Gruppe zu, nimmt mich in den Arm und plötzlich brechen alle Dämme. Tränen kullern über mein Gesicht, ich drücke meinen großen dicken Papa an mich und bekomme nur noch einen einzigen Satz heraus, bevor meine Stimme versagt: „Trägst du mich?“
Seine kleine blonde Dramaqueen, die er nun schon seit 21 Jahren er-trägt, würde mein Papa wahrscheinlich überall hintragen. Dieses Mal ist es zum Glück nur die Strecke bis zum Athletenhotel. Dort angekommen begutachtet er besorgt alle meine von der Schlacht gezeichneten Körperteile mit seinem fachmännischen Medizinerblick und schickt mich anschließend erst einmal in die Dusche.

Beim Blick in den Badspiegel erschrecke ich: Der ganze rechte Arm ist blutig, das Becken blau und angeschwollen, schwarze Wimperntusche über mein ganzes Gesicht verteilt, und außerdem klebt mein Körper von dem Getränk, das sich bei Kilometer 40 über mich ergossen hat. Das mit dem Trinken habe ich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr so ganz hinbekommen. Immerhin rieche ich jetzt ein bisschen nach grünem Red Bull. Apfel-Kiwi. Mmmh!

Nachdem ich mindestens so dampfend wie am Morgen, nur mit deutlich weniger Energie, die warme Dusche verlassen habe, greife ich blindlings zu der 1,5Liter-Flasche, die neben dem Waschbecken steht. Ohne darauf zu achten, dass ich stilles Mineralwasser gar nicht mag, leere ich sie in einem Zug und mir fällt erst danach ein, dass auf meinem Nachtkästchen auch noch eine Flasche Fanta gewesen wäre.
Ich muss ziemlich viel Durst gehabt haben. Wegen der ganzen Aufregung nach dem Rennen habe ich komplett das Trinken vergessen. Schon ein bisschen dämlich eigentlich. Aber vielleicht bin ich ja auch selber schuld? Rege ich mich einfach immer viel zu sehr auf? Sollte ich nicht vielleicht aufhören, um alles ein Drama zu machen?
Immerhin habe ich es jetzt ja geschafft und bin ein echter Marathoni. Ich habe die Feuertaufe bestanden und beim nächsten Mal kann es dann ja nur noch besser werden.
Während ich mir gedankenverloren irgendwelche Klamotten anziehe, versuche ich, so positiv wie möglich über das Rennen zu denken.
Mir ist klar: Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis ich die Enttäuschung überwunden habe. Die Schmerzen im Becken tun ja schließlich ihr Übriges, um mich mit jedem Schritt an den Sturz zu erinnern.
Aber dafür empfangen mich als Entschädigung unten in der Hotellobby alle meine Liebsten: Meine Eltern, meine Vereinskollegen, meine Trainer, mein Freund. Mit ihrer Hilfe werde ich das schon hinbekommen. Denkt sich die Dramaqueen.

Kino

Foto: Franzi-Cam

Eine Woche später sitze ich mit meinem Freund im Kino. Wir mampfen Tortilla-Chips, trinken Cola und schauen Chris Hemsworth dabei zu, wie er als Donnergott Thor in „Tag der Entscheidung“ mit seinem Avenger-Kollegen David Banner in einem Raumschiff vom Planeten Sakaar fliehen möchte.
Plötzlich muss ich aufhorchen:
„Du darfst dich nicht immer gleich so aufregen!“ Thor sieht ein bisschen verzweifelt aus. Es fällt ihm nicht leicht, den sonst so besonnenen Wissenschaftler zu beruhigen, damit sich dieser nicht gleich wieder in das große grüne Monster Hulk verwandelt, sobald ihn irgendetwas aus der Fassung bringt.
Mein Freund stößt mich mit dem Ellenbogen an. Offensichtlich haben wir denselben Gedanken.
„Du wirst auch immer zu so einem kleinen aufgeblasenen Hulk wirst, wenn du dich aufregst“, grinst er, „du solltest nur einfach lernen, deine Kräfte dann sinnvoll zu nutzen und nicht wie Hulk völlig kopflos auf alles und jeden einprügeln.“
Wo er Recht hat, hat er Recht. Vielleicht lässt sich auch gar viel daran ändern, dass ich eine solche Dramaqueen bin, die wie Hulk völlig kopflos mit durch die Wände rennen will, wenn sie wütend ist. Aber vielleicht lassen sich diese übermäßigen Kräfte ja irgendwie sinnvoll einsetzen.
Ich werde ab jetzt versuchen, ein vernünftiger Hulk zu sein. Außerdem finde ich grün eigentlich auch ganz gut. Und das nicht nur, wenn es um Red Bull oder die Brause-Bonbons an der Hotelrezeption geht.

Hulk