Du weißt erst, ob eine Entscheidung die Richtige war, nachdem du sie gefällt hast.

20180527 FranziReng 054Mit der heutigen Entscheidung endet für mich ein Krimi. Eine Berg- und Talfahrt der letzten Wochen, die mich vor allem mental stark mitgenommen hat. Ein Wettlauf mit der Zeit, bei dem ich nicht nur deshalb eine ziemlich schlechte Ausgangssituation hatte, weil ich eben nicht der besonders schnelle, sondern eher der ausdauernde Typ bin.

Und trotzdem haben wir, meine Trainer, Ärzte und ich, versucht, das Unmögliche möglich zu machen: Nach einem vierwöchigen Virusinfekt noch rechtzeitig für den EM-Marathon am 12.August fit zu werden.

Unser Unternehmen hatte, wie bereits angedeutet, recht geringe Erfolgsaussichten, barg dafür ein Maximum an Risiken und ist, so muss man das letzten Endes einfach ganz offen und ehrlich sagen, gescheitert.

Geahnt habe ich das schon länger. Wissen wollte ich es aber nicht. Es hat deshalb noch eine ganze Zeit gedauert, die Wahrheit zu realisieren und dann auch zu akzeptieren:

Ich werde bei der EM in Berlin 2018 nicht an den Start gehen.

Diesen Satz auszusprechen, fällt mir heute noch schwer. Schließlich habe ich ihn bis vor kurzem noch nicht einmal zu denken gewagt. Für mich war er gleichwertig mit: Aufgeben, die Niederlage hinnehmen, sich unterkriegen lassen. Und das ist normalerweise nicht mein Stil.

Normalerweise kämpfe ich zumindest so lange, bis es nicht mehr weitergeht. Einmal die Herausforderung angenommen, gibt es doch eigentlich kein Zurück mehr, oder? Einknicken, nachgeben, Schwäche zeigen? Niemals. Ich doch nicht.

Aber ich glaube, dass es mir mehr Stärke abverlangt hat, Berlin abzusagen, als es mich Kraft gekostet hätte, einfach hinzufahren und mitzulaufen.

Von vielen Seiten wurden mir aufgrund der ausgefallenen Vorbereitungszeit Ratschläge erteilt, die sicherlich auch gut gemeint waren: „Fahr doch einfach hin, nimm das rennen mit. Genieß es und sei froh, dass du dabei bist.“ 42 Kilometer bringt man ja schon irgendwie hinter sich.

Aber ist das der Anspruch, unter dem man zu einer internationalen Meisterschaft anreist? Meiner ist es definitiv nicht. Selbst wenn es mein bisheriger Karriere-Höhepunkt ist. Selbst wenn es eine Heim-EM ist, die so bald sicher nicht nochmal kommt. Selbst wenn das Argumente sind, mit denen man sich zu vielen Dingen hinreißen lässt.

Ich würde mich von Herzen gern in den Dienst meines Heimatlandes stellen und noch viel lieber in den Dienst einer Marathonmannschaft, um die es in Berlin ja zusätzlich geht.
Ich möchte dafür aber auch komplett gesund, fit und mit mindestens dem Leistungsvermögen am Start stehen, das auch von mir gefordert wurde, um mich für dieses Rennen und für die Aufnahme in diese Mannschaft zu qualifizieren.

Was bringt es, im Vorhinein tolle Zeiten zu laufen, die man dann beim Hauptevent nicht bestätigen und sein Team damit unterstützen kann?

Und genau hier liegt die Krux: Ich weiß, dass ich am 12. August noch lange nicht in der Lage sein kann, eine derartige Leistung zu bringen. Davon bin ich momentan noch weit entfernt und dafür reichen auch die verbleibenden drei Wochen nicht aus.Dazu fehlen mir nicht nur etliche Trainingskilometer, Tempohärte und Tests unter Wettkampfbedingungen, sondern auch schlicht und einfach ein geregeltes tägliches Training, das ich selbst in den allerletzten Wochen nach auskuriertem Infekt noch nicht einhalten konnte.

Der Virus hat mich verdammt stark zurückgeworfen, stärker als man das selber wahrhaben möchte. Ich war ja nicht verletzt und konnte alternativ trainieren. Ich war einfach komplett raus, konnte keinen Sport machen und das merke ich bei jeder Belastung, ob leicht oder stark, das merken meine Trainer, das merkt mein Umfeld:

„Franzi, du stehst jeden Morgen super motiviert auf und gehst jeden Abend total enttäuscht ins Bett, weil du gerade viel zu hohe Ansprüche an dich hast, denen du noch nicht gerecht werden kannst“, meinte mein Freund erst in der letzten Woche.

Er hat viel mehr Recht, als mir lieb ist: Ich darf gerade einfach nicht von mir erwarten, in weniger als drei Wochen einen Marathon auf einem ansprechenden Niveau zu laufen. Ich muss gerade von mir erwarten, meinen Körper nach der langen Zeit, die er gegen einen Virus und die damit verbundenen Begleiterscheinungen kämpfen musste, langsam wieder an den Sport zu gewöhnen. Nicht mehr und nicht weniger. Denn so wenig verlangt ist das gar nicht.

Das Marathonrennen in Berlin wird deshalb ohne mich stattfinden. Ich hoffe, zumindest zuschauen zu können. Auch wenn es mir schwerfallen wird. Auch wenn es in den Beinen kribbeln wird, wenn der Startschuss fällt. Auch wenn ich mich vermutlich in diesem Moment für meine Entscheidung hassen werde: Ich wünsche mir, das deutsche Team zumindest auf diese Weise zu unterstützen, indem ich mitfiebere, anfeuere und den Mädels meinen höchsten Respekt dafür zolle, dass sie durchgekommen sind durch die Marathonvorbereitung, die für sie alle ebenfalls von Höhen und Tiefen geprägt war.

Deswegen will ich auch gar nicht mein Leid klagen, dass es bei mir nun eben nicht geklappt hat. Wie vielen Marathonläufern ist es vor mir denn schon so ergangen? Und wie viele andere, großartige Sportler und Sportlerinnen mussten ihren Traum von Berlin 2018 auch schon viel früher endgültig begraben?

Deswegen will ich auch gar keine tröstenden Worte. Die habe ich in den letzten Tagen zum Glück von vielen Seiten bekommen und ich bin momentan eher dabei, die Enttäuschung selber bestmöglich aufzuarbeiten und in neue Motivation umzuwandeln. Ich will an meiner Entscheidung wachsen, ich stehe voll dahinter und trage alle Konsequenzen daraus mit.

Du weißt, ob eine Entscheidung die Richtige war, nachdem du sie gefällt hast. Und ich fühle gerade, dass dem so ist:

Ich verzweifle nun nicht mehr an mir, ich bin nun nicht mehr jeden Abend desillusioniert und wütend auf mich selbst. Ich beginne, zu akzeptieren und abzuschließen mit dem Wunschdenken, im August so weit zu sein, wie ich es gerne hätte. Es gibt Dinge, die man einfach hinnehmen muss, weil es keinen Schuldigen gibt, weil es so ist, wie es ist.

Mir haben bestimmt schon öfter mal Leute einen Virus gewünscht, aber eingefangen habe ich ihn mir selber. Und jetzt muss ich damit leben. Und damit meine ich „leben“, nicht ertragen oder durchstehen. Ich suche ab jetzt das Gute, das diese Entscheidung mit sich bringt. Möglicherweise muss ich auch noch etwas länger suchen, aber irgendwann werde ich bestimmt noch fündig.

Der Traum von der Heim-Europameisterschaft, wird derweil wohl immer ein Traum bleiben. Aber auch nur, damit er sich am Ende nicht als Alptraum entpuppt.

20180527 FranziReng 024