Wenn ich heute darüber nachdenke, weiß ich gar nicht so genau, wie ernst ich das alles genommen hatte. Ob ich tatsächlich selber daran geglaubt hatte. Natürlich bin ich jemand, der zu seinem Wort steht. Aber in diesem Fall war es ein Wort, das mehr aus Hoffnung als aus echter Überzeugung kam. Aus der unnachgiebigen Hoffnung, irgendwann wieder an einer Startlinie zu stehen…

FrauenlaufAltroArtikel_1

Genau einen Monat ist es jetzt her, dass ich mich zum Regensburger Firmenlauf aufmachte. Dort zu laufen kam für mich natürlich nicht in Frage, ich war schließlich gerade mal aus dem Gröbsten heraus, was die Heilungsphase nach der Operation betraf. Aber ein paar Tage vorher hatte mich die Sekretärin meiner Redaktion ganz vorsichtig gefragt, ob ich denn schon wieder einsatzfähig sei, ob ich Lust hätte, als Reporterin vom Firmenlauf zu berichten.

Nichts war mir lieber als das. Ich hatte überglücklich zugesagt und meinen ersten Zeitungstermin in Angriff genommen, seit ich den ungeliebten Vacoped-Stiefel und die Krücken nun endlich losgeworden war. Mittlerweile durfte ich nämlich wieder normal gehen, Radfahren, auch endlich wieder am Steuer eines Autos sitzen. Ich war dementsprechend glücklich, mich jetzt wieder ohne große Hilfe von Krücken, öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem privaten Chauffeurservice meiner Familie und Freunde fortbewegen zu können.

Auf dem Firmenlauf-Gelände angekommen erwartete mich eine Menge bekannter Gesichter. Ich genoss es, mich mit so vielen wie möglich zu unterhalten, auch wenn ich dabei natürlich sofort ein bisschen wehmütig wurde: So viele Leute zu sehen, die fit sind und einfach laufen können, die einen schneller, die anderen langsamer. Dennoch freute ich mich sehr, sie alle nach teils langer Zeit wiederzusehen und ihnen zumindest ein klein wenig stolz meine Operationsnarbe zu präsentieren, die schon richtig gut verheilt war.

So weit so gut. Zurück zu meinem Versprechen: Dieses rang mir nämlich Moderator Rudi Obermeier ab, der sich kurz nach dem Startschuss noch einen Moment Zeit nahm, um mich nach dem gesundheitlichen Stand der Dinge zu fragen.

„Läuft“, war meine prompte Antwort, die ich dann aber gleich wieder korrigieren musste: „also läuft nicht, aber bald!“
Rudi schaute einen Moment an meinen dünnen Beinchen hinunter, die während der Krücken-Zeit ziemlich viel an Muskulatur verloren hatten: „Naja, bald ist wohl relativ“, meinte er deswegen, „beim Frauenlauf wirst du dieses Jahr ja dann wohl eher nicht mit von der Partie sein…“
Ich blickte ein wenig verwundert: „Wann ist der denn?“
„Am 12. August. In einem Monat. Das wird schon knapp.“
Ich musste nicken. Er hatte Recht. Aber gleichzeitig war das Datum plötzlich ein Ansporn für mich. Ein Ziel, das ich in der anstehenden Aufbauphase vor Augen haben könnte.

Der Frauenlauf ist etwa sechs Kilometer lang und führt auf einer wunderschönen Strecke an den sehenswertesten Ecken Regensburgs vorbei. Es geht nicht darum, schnell zu sein, sondern einfach nur das Laufen zu genießen. Die letzten Jahre war ich immer dabei und es war jedes Mal ein tolles Erlebnis für mich.

FrauenlaufAltroArtikel_2

„Weißt du was? Ich werde dabei sein“, meinte ich kurzentschlossen.
Rudi schien skeptisch. Sein Blick war eine Mischung aus Verwunderung und Mitleid. Eigentlich dachte er sich: „Was hat sie jetzt schon wieder für eine bescheuerte Schnapsidee!“, sah dann aber vielleicht die Hoffnung in meinen Augen, den sehnlichen Wunsch, endlich wieder auf die Beine zu kommen und meinte nur: „Alles klar. Wenn du rennst, werden mein Moderationspartner Stephan und ich unsere roten Sonnenbrillen für dich tragen. Egal, wie das Wetter wird!“

Mein Grinsen wurde immer breiter. Die Sonnenbrillen-Aktion hatten die beiden schon einmal im Winter für mich gemacht und mich damit ein bisschen aufgeheitert. Damals, als meine Verletzungs-Misere gerade erst begonnen hatte.
„Na das klingt doch gut! Versprochen!“ Ich streckte Rudi meine Hand hin, er schlug ein.

Wie schon gesagt: Ich weiß nicht, wie sicher ich mir damals war, dieses Vorhaben realisieren zu können. Ich dachte nicht mehr so viel darüber nach, denn in den nächsten Wochen war ich ununterbrochen mit Reha, Physio und vor allem meinen allerersten Laufversuchen beschäftigt:

Die ersten Schritte probierte ich in Form von kleinen Übungen aus dem Lauf-ABC, ein bisschen koordinativer Laufschule, dann kamen schon erste Versuche über zwei, später auch fünf Kilometer lockeres Laufen hinzu. Nach etwa eineinhalb Wochen folgte die Dauerlauf-Premiere über 30 Minuten. Ohne GPS, nur nach Gefühl. Einfach laufen so gut es halt geht. Hauptsache Durchhalten.
Dieses Pensum absolvierte ich immer in regelmäßigen Abständen mit zwei Pausentagen zur Regeneration. Denn die hatte ich bitter nötig.

So viel muss schließlich gesagt werden: Das Laufen fühlte sich anfangs alles andere als gut an. Ehrlich gesagt sogar ziemlich mies. Überall zwickte es, nach wenigen Minuten begannen die Wadenmuskeln zu streiken, die Leiste beschwerte sich, große weite Schritte zu ziehen fiel mir schon nach wenigen Minuten merklich schwerer. Es war ein mühseliges Herantasten an alte Gewohnheiten.

Außerdem ertappte ich mich zusehends dabei, wie ich eine Menge von Anfängerfehlern machte: Ich bekam Blasen an den Füßen, weil die Schuhe nicht ordentlich gebunden waren. Er erlitt einen gefühlten Hitzeschlag, weil ich die Außentemperaturen nicht richtig eingeschätzt hatte. Ich lief viel zu kurze oder zu lange Strecken, weil ich tatsächlich die Länge meiner eigenen Stamm-Runden nicht mehr wusste. Ganz zu Beginn musste ich sogar noch scharf nachdenken, wo auf meiner Uhr eigentlich nochmal der Stopp-Knopf ist.

Aber mit der Zeit spielten sich die Abläufe wieder ein. Schon wenig später traute ich mich die ersten Male wieder an der von Läufern hochfrequentierten Donaustrecke zu laufen. Die hatte ich zuvor streng gemieden, um mich nicht zu blamieren. Denn dort begegnet man zwangsläufig einer Menge bekannter Gesichter – und mich selbst vorführen wollte ich nicht.

Und wie sollte es anders sein? Gleich beim ersten Dauerlauf an besagter Stelle traf ich alle paar Meter jemanden, der freundlich grüßte, mein noch etwas holpriges Laufen aber jedes Mal mit einem, ich nenne es mal „interessierten“ Blick quittierte.
Ziemlich zum Schluss kam mir dann die Profi-Triathletin Sonja Tajsich entgegen. Sie veranstaltet den Frauenlauf in Regensburg und da fiel es mir plötzlich wieder ein: Mein Versprechen, dort am Start zu sein!

Es war nun nicht mehr lange hin bis zum Rennen, etwas mehr als eine Woche vielleicht. Konnte man da überhaupt noch nachmelden?

Man konnte. Und so stand ich tatsächlich am 12. August um 17 Uhr mit der Startnummer 289 vor den Augen der Moderatoren Rudi, Stephan und einer Menge Regensburger Zuschauern an der Startlinie, um mit rund 450 anderen Läuferinnen einfach loszulaufen.
Ich war auf jeden Fall viel nervöser, als man es vor so einem Spaßrennen sein darf und als zum Startschuss heruntergezählt wurde, hatte ich tatsächlich eine Gänsehaut. Seit genau 225 Tagen hatte ich kein Rennen mehr gemacht. Seit dem Silvesterlauf 2016 in Peuerbach, das ganze Jahr 2017, bis jetzt, hatte ich keine Ziellinie überquert.

FrauenlaufAltroArtikel_3

Mir war eines klar: Egal wie schnell oder langsam – ich komme heil ins Ziel!
Darum joggte ich die ersten zwei Kilometer auch erst einmal sehr verhalten los. Der Fuß fühlte sich gut an, die Beine waren frisch. Und vor mir sah ich bald nur noch eine weitere Läuferin. Marie aus Chemnitz, die sich mir schon vor dem Start vorgestellt hatte.
Ich schloss zu ihr auf und als ich merkte, dass sie an Tempo verlor, forderte ich sie dazu auf, an mir dran zu bleiben und die Geschwindigkeit zu halten. Leider war ich nach einiger Zeit trotzdem allein mit dem Führungsradler. Dank der anfeuernden Zuschauer war es aber einfach wie in den vergangenen Jahren eine riesige Freude, durch meine Heimatstadt zu laufen. Ich genoss jeden Schritt und nach ein paar ungewohnt holprigen Metern über das Kopfsteinpflaster der Altstadt steuerte ich schon auf die Zielgeraden zu.

Ich war überwältigt. Das hatte ich mir so lange gewünscht. Es waren so viele liebe Menschen um mich herum, die sich mit mir freuten – das war das Beste, was mir seit einiger Zeit passieren konnte! Natürlich wurden auch ein paar Freudentränchen verdrückt.

FrauenlaufAltroArtikel_4

Doch dieses Rennen motiviert mich jetzt vor allem dazu, weiterzumachen. Positiv nach vorne zu blicken. Ich bin nun schon wieder einen ganz großen Schritt weitergekommen – gerade, wenn man bedenkt, wo ich vor genau einem Monat noch gestanden bin: Beim Firmenlauf als Zuschauerin mit zwei Beinen, die nach der langen Krückenpause nicht in der Lage gewesen wären, auch nur einen Kilometer laufend zu bewältigen.

Dagegen konnte ich beim Frauenlauf schon wieder mit der Sonne um die Wette strahlen, die sich nach einem kurzen Regenschauer doch noch über der Stadt zeigte. Ganz umsonst hatten Rudi und Stephan ihre roten Sonnenbrillen also nicht aufgesetzt!

(alle Fotos: Uwe Moosburger/altrofoto.de – vielen lieben Dank!)