Seit ich laufe, bedeutet es für mich die Erfüllung eines ganz großen Traums, meinen ersten Marathon zu finishen. Und bis vor genau einer Woche sah es auch noch ganz danach aus, als sollte er endlich wahr werden. Doch es lief wieder einmal nicht alles so ganz nach Plan…

D80_0520Es ist Donnerstag und ich fühle mich mies. Schon den ganzen Tag. Obwohl ich am Vortag nichts Großartiges trainiert habe, wenig Stress hatte und zeitig ins Bett gegangen bin. Meine Beine schwer wie Blei und mein Rücken tut das Übrige: Bei jeder Bewegung kommt es mir vor, als hätte ich einen kiloschweren Rucksack voller Wackersteine aufgeschnallt oder so ähnlich.
Ich quäle mich durch den nebligen Herbsttag und nachdem ich einfach überhaupt nichts Sinnvolles zustande bringe, beschließe ich irgendwann am späten Nachmittag, zumindest meine sportlichen Pläne für den heutigen Tag zu streichen. Ich bin einfach schwach, fühle mich alles andere als fit und habe allmählich eine ungute Vorahnung. Eigentlich stehen morgen ja Tempoläufe auf dem Programm…

Und zwar nicht irgendwelche Tempoläufe, sondern die letzten vor Frankfurt.
Frankfurt, Frankfurt, Frankfurt – die ganzen letzten Tage haben sich meine Gedanken fast nur noch um dieses eine Rennen gedreht, das ich mir nun als endgültigen Abschluss dieser mehr als verkorksten, verletzungsgeplagten und unglücklichen Saison gesetzt habe. Ich will endlich alles hinter mir lassen, nach vorne schauen, nicht mehr an die Verletzungen und das damit verbundene Chaos denken und mir stattdessen selbst beweisen, dass ich wieder auf den Beinen bin. Dass ich wieder die Alte bin.

Manch einer mag sich fragen, wie man auf so einen bescheuerten Gedanken kommen kann. Und das zu Recht. Denn besonders gesundheitsförderlich ist mein Vorhaben ja wirklich nicht: Am 29. Oktober in Frankfurt ein Rennen zu laufen, bedeutet nichts Geringeres als einen Marathon zu laufen.
Mal davon abgesehen, dass dies schon immer mein Größtes läuferisches Ziel war, sind die 42,195 Kilometer so kurz nach der Verletzung mehr als eine extreme Herausforderung. Nur knapp drei Monate nach den ersten Schritten und ohne gezieltes Vorbereitungsprogramm vermutlich sogar ein hochriskantes Unterfangen. Selten dämlich.

Aber die Überlegung dahinter sieht gar nicht mal so dämlich aus: Es wäre schließlich noch um einiges dämlicher, wenn ich meinen ersten Marathon im Frühjahr laufen würde.
Denn da möchte ich mich ja eigentlich schon für die EM in Berlin qualifizieren. Und über eine Distanz, auf der ich noch nie gestartet bin gleich mal eine EM-Norm anzupeilen, halten weder ich noch mein Trainer für besonders sinnvoll. Um nicht zu sagen für dämlich.
Um stattdessen Druck aus der Sache zu nehmen, haben wir uns deshalb während der letzten Wochen für das Rennen in Frankfurt entschieden. Die läuferische Entwicklung bis dahin war schließlich mehr als zufriedenstellend. Was soll da also groß schiefgehen?

Vermutlich so einiges. Denn das hat ein Marathon-Debüt meistens so an sich: Eine Menge Anfängerfehler.
Aber aus Fehlern lernt man – und davon will ich dann spätestens im Frühjahr profitieren.
Ich will jetzt lernen, was es heißt, einen Marathon zu laufen, um es dann in ein paar Monaten besser zu machen. Mit richtiger Vorbereitung, mit genügend Zeit und vor allem ein bisschen mehr Erfahrung.

Es ist Samstag und ich fühle mich elend. Mittlerweile habe ich zwei Tage im Bett verbracht, literweise Tee getrunken, Fieber und Gliederschmerzen über mich ergehen lassen, unfassbar viel, aber vor allem auch unfassbar schlecht geschlafen.
Immer wache ich verschwitzt neben meiner Decke, oder anderweitig verknotet auf der falschen Seite des Bettes auf. Wenn ich dann wach bin, kriege ich nichts weiter auf die Reihe als irgendwelche blöden Serien zu schauen und währenddessen schon wieder langsam wegzudämmern.

Ich kann es nicht fassen, was mit mir los ist. Es hat mich total erwischt und ich will mir lieber gar nicht erst Hoffnungen machen, innerhalb der nächsten Woche wieder fit zu werden. Wie auch?
Da müsste schon mindestens eine Wunderheilung her, denn momentan schaffe ich es noch nicht mal zum Spazieren gehen nach draußen. Und das obwohl heute ausnahmsweise mal die Sonne über dem sonst so nebelverhangenen Regensburg scheint. Ich bekomme Kopfweh von der Helligkeit und verkrieche mich wieder in meiner Deckenhöhle.

Es ist Montag und ich fühle mich besser. Endlich. Ich atme auf.
Und zwar wahrsten Sinne des Wortes: Nach drei Tagen übermäßigem Nasenspray-Schleimlöser-Halsbonbon-Konsum kommt es mir zum ersten Mal wieder so vor, als könnte ich tief durchatmen. Außerdem wache ich zum ersten Mal nicht mehr schweißgebadet mit dem Kopf am Fußende meines Bettes auf.
Ich habe verdammt langund vor allem gut geschlafen. Draußen scheint die Sonne ein bisschen hinter den dicken Nebelwolken hervor und ich störe mich gar nicht daran, sondern versuche auf diese Weise ein wenig Optimismus in Kombination mit Vitamin D zu tanken.
Gestern hat das Fieber endlich nachgelassen und ich war sogar vormittags als auch nachmittags eine Runde spazieren. Vielleicht wage ich heute Abend ja dann meine erste kleine Laufrunde…

Es ist mittlerweile wieder Donnerstag und ich fühle mich… Ja, wie fühle ich mich eigentlich? Ein bisschen mulmig vielleicht?
Eine ganze Woche ist vergangen, seit sich die ersten Anzeichen der Erkrankung bemerkbar gemacht haben und so schleichend wie sie kamen, haben sie sich zum Glück auch schon fast verabschiedet. Lediglich eine hartnäckige Rotznase und ein über weite Distanzen schwer überhörbares Räuspern sind noch geblieben. Wer weiß – wenn ich Glück habe, bekomme ich das in den nächsten Tagen ja auch noch los. Am besten spätestens bis Sonntag.

Denn da will ich in Frankfurt an der Startlinie stehen.
So unrealistisch mir dieses Ziel am Samstag noch erschienen ist, so greifbar nah ist es nun wieder gerückt. Mein Körper hat hoffentlich doch noch in letzter Sekunde zurück zu Kräften gefunden und gestern habe ich zum ersten Mal wieder richtig trainiert.
Jetzt ist es aber trotzdem wieder an der Zeit, die Beine stillzuhalten, denn viel kann ich bis Sonntag nun eh nicht mehr tun. Außer an der Form zu verlieren, die ich mir in den letzten Wochen mit unregelmäßigem, teilweise unkonventionellem, aber eben frazimäßig-chaotischem Training erarbeitet habe.

Ich werde natürlich trotzdem mein Bestes geben, um ein möglichst fehlerfreies Debüt abzuliefern. Ich sage ganz bewusst „möglichst fehlerfrei“. Aber ganz egal wie es letzten Endes für mich ausgehen wird: Allein das Auf und Ab der letzten Woche hat mir erneut vor Augen geführt, dass allein die Tatsache, am Sonntag an der Startlinie zu stehen, für mich der größte Gewinn des vergangenen Jahres sein wird.

Noch ist es ja nicht so weit gekommen. Noch ist es erst Donnerstag. Also drückt mir die Daumen!
Eure Franzi