Schritte können leichtfüßig sein, tänzelnd, kraftvoll, lang und weit. Am liebsten sind mir natürlich die Laufschritte. Durch sie bekomme ich ein wunderbar schwereloses Gefühl von Freiheit, das für all diejenigen kaum zu verstehen ist, die dasselbe nicht schon einmal selbst erlebt haben.
Umso unangenehmer war für mich der Schritt, den ich nun getan habe. Er war mühsam, anstrengend und führte ins Ungewisse. Was hat sich dadurch geändert?
So paradox es klingen mag: Zunächst hat sich bei mir eine gewisse Form der Erleichterung eingestellt.
Die Antwort darauf, wohin mich dieser schwere Schritt letztlich führen wird, liegt trotzdem noch in weiter Ferne, irgendwo in der Zukunft.
Aber ich kann mir keinen Vorwurf machen: Ich habe keine andere Möglichkeit mehr gesehen, die nicht irgendwann in Verzweiflung geendet hätte. Ob nun auf kurze oder lange Sicht.
Ich weiß, ich spreche in Rätseln. Doch das, was ich sagen will, ist auch nicht einfach in Worte zu fassen: Ich habe schließlich eine Entscheidung getroffen, die für mich in erster Linie selbst mehr als schmerzlich war und noch immer ist – und von der ich mir gerade deshalb sehnlichst erhoffe, dass ich ihn nicht bereuen werde. Dass es ein Schritt in die richtige Richtung war.

Nichts bereuen?

Ich werde meine Sommer-Saison beenden, bevor sie überhaupt angefangen hat. Ich musste in den vergangenen Monaten nicht nur Trainingslager und Laufeinheiten absagen, sondern teilweise über längere Zeit komplett auf Sport verzichten. Nicht gerade die ideale Vorbereitung auf die anstehende Wettkämpfe. Mit einem derartigen Totalausfall lässt sich keines der sportlichen Ziele realisieren, die ich mir für dieses Jahr gesteckt hatte.
Meine Verletzungen aus den Wintermonaten haben sich hartnäckiger gezeigt, als zuvor erwartet. Die Regeneration verlief nicht so, wie geplant. Immer neue Probleme tauchten auf und der Körper hat mir unmissverständliche Signale gesendet: Er braucht Zeit und Ruhe, auch wenn ich ihm die gerade nicht unbedingt geben möchte. Ich will viel lieber trainieren, um meine Ziele zu erreichen.
Lang genug habe ich deshalb versucht, meinen Dickschädel durchzusetzen. Lang genug hat es gedauert, bis ich mich endlich dazu durchringen konnte, mir das vermutlich einzig richtige Ziel für diese missliche Situation zu setzen: Ich will mich komplett auf meine Gesundheit konzentrieren und erst wieder ins Laufgeschehen eingreifen, wenn ich wieder leistungs- und belastungsfähig bin. Wann das sein wird, ist noch nicht absehbar. Nun heißt es erst einmal weiterhin: Nicht laufen, sondern abwarten, gesund werden.

Nicht laufen?

Ich bin Läuferin. Nicht nur aus Spaß, sondern aus Leidenschaft. Das bedeutet, dass Laufen für mich kein Hobby ist, so wie ich auch gern auf Reisen gehe oder Bergsteigen. Laufen gehört zu mir und es macht mich zu einem glücklicheren Menschen. Ohne Laufen fehlt mir was. Laufschritte geben mir dieses wunderbar schwerelose Freiheitsgefühl, von dem ich schon oben geschrieben, es aber nicht weiter beschrieben habe. Weil es nun mal unbeschreiblich schön ist. Normalerweise.
Denn momentan überwiegt der Schmerz. Und das ist kein Schmerz, den man als Läufer in Kauf nimmt, weil Laufen eben nicht Spazierengehen ist. Kein Schmerz, der zum Leistungssport dazugehört. Es sind Schmerzen, die mich schon seit Anfang des Jahres immer wieder plagen und die im Laufe der Zeit nicht besser, sondern schlechter geworden sind.

Schlechter?

Hinzu kamen nämlich noch andere gesundheitliche Probleme, die irgendwann einfach gänzlich daran gehindert haben, Sport so zu betreiben, wie es sein sollte: Dass man sich danach besser und nicht schlechter fühlt. Unabhängig davon, ob es nun Laufen ist oder Alternativtraining: Mein Immunsystem war seit vergangenem Herbst auffällig häufig angeschlagen und ich damit selbstverständlich für kürzere oder längere Phasen außer Gefecht gesetzt. Ich habe mir ständig irgendetwas Neues eingefangen, weshalb ich das Training häufig außerplanmäßig unterbrechen musste:
Ein grippaler Infekt mit Fieber kurz vor dem EM-Ausscheidungsrennen in Tilburg, der dann kurz vor Weihnachten wieder aufgeflammt ist, machte den Anfang. Ständige Erkältungen mit Halsweh und Schnupfen gehörten ebenfalls in regelmäßigen Abständen dazu. Vor einem Monat musste ich mir aufgrund einer Nagelbettentzündung sogar den Finger operieren lassen und diese Aufzählung ließe sich noch eine ganze Zeit munter weiterführen. Ihr merkt, ich werde langsam sarkastisch.
Bei einem Bluttest wurde dann schließlich zu allem Überfluss ein erheblicher Eisenmangel festgestellt, was für mich ein absolutes Novum war. Meine Blutwerte waren bisher immer alles nur nicht besorgniserregend, wenn nicht sogar optimal für Sportler(innen)-Verhältnisse. „Ein Abweichung der Eisenwerte passt ins allgemeine Bild“, meinte mein Arzt. Überrascht hat ihn jetzt wohl schon gar nichts mehr.

Nicht überrascht?

Mit der Zeit fühlt man sich ja tatsächlich wie ein marodes Gebäude. An allen Ecken und Enden ist Ausbesserungsbedarf. Aber solange am Ende wieder ein schönes, stabiles Haus dasteht, kann ich damit leben.
Es gibt ja zum Glück zumindest ein paar Erklärungen für meine derzeitige Situation. Viele Auslöser, die ich kenne und an denen ich arbeite, so gut es geht. Und es gibt sicherlich auch einige andere Faktoren, die noch im Argen liegen und denen man vielleicht Stück für Stück noch auf die Spur kommen kann.
Wie lange die Suche dauern wird, weiß ich nicht. Aber unabhängig davon steht eine Sache felsenfest: In der letzten Zeit habe ich dabei Zuspruch, Ermutigung und Unterstützung von vielen Seiten erfahren. Ich wurde immer wieder darin bestärkt, weiter meinen Weg zu gehen – und sei er momentan noch so steinig und steil. Ich habe Menschen, die mich begleiten und dafür bin ich unheimlich dankbar. Denn ich allein kann garantiert nie so viel bewirken wie mit einem Team im Rücken und vereinten Kräften.

7_1Ich richte deshalb ein großes Dankeschön an all diejenigen, denen es gelungen ist, mir trotz allem doch hin und wieder ein kleines Lächeln ins Gesicht zu zaubern.
Ein Lächeln, durch das mir bewusst wird, dass alles nur halb so schlimm ist. Die Entscheidung, die ich nun getroffen habe, war nur ein weiterer Schritt auf meinem Weg zum großen Ziel „Marathon“. Es ist kein Schritt zurück, er gehört nun mal genau so zu meiner Reise wie jeder andere. Ich werde deshalb nicht mehr zurückblicken, sondern nach vorne. Und ich hoffe, dass dort schon bald wieder leichtfüßige, tänzelnde und kraftvolle Schritte auf mich warten. Am liebsten natürlich Laufschritte. Ich werde Euch auf jeden Fall an dieser Stelle weiterhin davon berichten…