Ehrlich gesagt habe ich nicht viel mit einer Hummel gemeinsam.
Meine Statur ist zwar allgemein etwas überdimensionierter, dafür aber nicht ganz so komprimiert. Meine Haare sind zwar um ein Vielfaches länger, bedecken dafür aber nicht den ganzen Körper. Und schließlich besitze ich lediglich zwei Beine, während die Hummel davon sogar sechs Stück inklusive eines Flügelpaares vorweisen kann. Letzteres nutzt sie auch bevorzugt zur Fortbewegung – unverschämterweise, müsste man hinzufügen. Denn eigentlich dürfte sie das gar nicht.

Nach Gesetzen der Aerodynamik ist eine Hummel nämlich gar nicht dazu in der Lage, zu fliegen. Aber da sie das nicht weiß, stört sie sich nicht weiter daran. Sie denkt lieber über die nächste Blume nach, die sie ansteuern könnte, während sie unbeschwert abhebt und brummend durch die Luft schwebt.
Und vor Kurzem ist mir etwas ganz Hummel-ähnliches passiert: Ich habe etwas gemacht, was ich eigentlich gar darf. Etwas, das eigentlich gar nicht möglich sein sollte. Aber weil ich nicht groß darüber nachgedacht habe, ist es eben einfach passiert.

Um das auslösende Szenario nachzubauen, bräuchte es nicht viel Requisiten: Ein Auto mit kaputter Klimaanlage, einen Thermometerstand von über dreißig Grad und einen kilometerlangen Stau, der sich umso langsamer fortbewegt, je schneller mein Arzttermin näher rückt. Denn das reicht aus, um mich in Panik verfallen zu lassen.

Unter normalen Umständen wäre man an so einem Tag zu Fuß sicherlich schneller gewesen.
Aber ich war nun mal noch immer Patientin. Immer noch die vor sechs Wochen operierte, gerade von Krücken entwöhnte und langsam wieder an das alltägliche Leben in Bewegung herangeführte Franzi.

Hummel_2Dementsprechend rührend war natürlich der Vorschlag meiner Mutter gewesen, mich zu meinem Arzttermin zu chauffieren. Aber nun saß sie hinterm Steuer, konnte nichts gegen den Verkehr unternehmen und war mindestens so unruhig wie ich.

Ich wollte endlich meine Narbe vorzeigen, die doch schon so gut verheilt war. Ich wollte endlich erzählen, wie toll ich in der letzten Woche alles alleine hinbekommen hatte: Gehen, Treppensteigen, Radfahren, Autofahren, Einkaufen… Und selbstverständlich wollte ich endlich eine Prognose, eine Antwort, zumindest eine klitzekleine positive Andeutung auf die Frage, die ich mir schon seit dem ersten Tag nach der Operation auf der Seele brannte: Wann darf ich wieder laufen?

„So, jetzt haben wir ein echtes Problem“, stellte meine Mutter resigniert fest. Ich hätte fast gelacht. Hatte sie das erst jetzt kapiert? Doch dann erkannte auch ich den Ernst der Lage: Hier ging es nicht mehr nur im Schleichtempo weiter. Sondern einfach überhaupt nicht mehr. Die Straße war gesperrt. „Ich befürchte…“ Meine Mutter traute sich nicht so recht, auszusprechen, was uns beiden mehr oder weniger klar war: Wenn ich zum Arzt wollte, musste ich jetzt zu Fuß weiter.

„Okay, schau einfach mal, wo du das Auto parken kannst und komm dann in die Praxis nach. Ich bin schon mal unterwegs“, meinte ich hastig, während ich meine Sachen zusammenraffte und aus dem Auto sprang und nebenbei noch einen Blick auf die Uhr warf. Mir blieben noch zwei Minuten. Ich rannte los, über die Straße, an der Sperrung vorbei.

Meine Mutter, Beobachterin der Szenerie, gefesselt an ihren Autositz und unfähig einzugreifen, muss einen echten Schock bekommen haben. Und endlich fiel mir auch selber ein: Ich kann eigentlich gar nicht rennen. Verdutzt blieb ich mitten auf der Straße stehen.

Was hatte ich da gerade gemacht?
Irgendwie hatten meine Beine wohl für einen ganz kurzen Moment vergessen, was ihnen im Laufe des vergangenen Jahres alles widerfahren war. Irgendwie war der Mist der letzten zwölf Monate für ein paar Sekunden nicht mehr von Bedeutung. Meine Beine haben auf einmal einfach das gemacht, wofür sie da sind.

Hummel_3Intuitiv tastete ich meine rechte Wade ab. War jetzt alles umsonst gewesen? Die OP, die Schonung der letzten Wochen, die vorsichtigen Schritte der letzten Tage? Ich verfluchte mich selbst für meine Gedankenlosigkeit.

Die Narbe, die Metallplatte mit den Schrauben, der Knochen – zumindest schien alles noch am richtigen Platz. Ich blickte zurück zu der Stelle, von der ich losgelaufen war. Sie lag nicht recht weit entfernt, aber ich befürchtete trotzdem, dass ich ganz schön schnell gelaufen sein musste. Für ein paar Sekunden hatte ich total vergessen, dass ich überhaupt noch nicht Laufen durfte. Aber es hatte funktioniert. Keine Ahnung, wie.

Im Nachhinein kann ich nicht wirklich sagen, ob es sich gut oder schlecht angefühlt hat.
Ich war in diesem Moment mit dem Kopf völlig woanders gewesen. Meine Beine hatten nur das getan, was sie in einer solchen Situation eben machen müssen. Ich kam mir vor wie eine Hummel, die auch nicht überlegt, ob sie nun fliegen kann oder nicht, sondern eher, welche der Blumen da oben wohl am schönsten aussieht. Unbeschwerte Gedankenlosigkeit.

Nur ging es hier nun nicht um hübsche Blumen, sondern um einen superwichtigen Arzttermin. Deshalb hatte ich meinen Weg mittlerweile im, nennen wir es „Eilschritt“ fortgesetzt und meldete mich in der Praxis völlig außer Atem am Empfang an.

Ein paar Minuten war ich natürlich doch zu spät, aber alles halb so schlimm. Stattdessen gab es im Behandlungszimmer sogar doch noch die erhofften gute Nachrichten: Nicht mehr lange soll es dauern, bis ich endlich die ersten Laufschritte machen darf. Die ersten erlaubten Laufschritte, um es genau zu nehmen.

Denn meine ungewollte Sprinteinheit konnte ich natürlich nicht verschweigen. Als ich meine kleine Sprinteinheit durch die Innenstadt beichtete, schüttelte der Doktor nur den Kopf. „Langsam wird’s Zeit“, grinste er, „du hältst es eh nicht mehr recht lange aus, stimmt’s? Du hast ja schon seit der OP ein richtiges Hummel-Nest unterm Hintern!“

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So manche Wahrheit ging von einem Irrtum aus.
Marie von Ebner-Eschenbach